Category Archives: Lesen

Aprilgebloggt: Ein Monat voller Debatten

Geografisch:
In Hong Kong für ein sehr kurzes Gastspiel.
Im Achtelfinale des Canton IV in Guangzhou.
Als Jurorin auf einem Uni- und einem Highschool-Debattierturnier.
Im Stress wegen diverser Präsentationen.

Literarisch:
Suki Kim – Without you, there is no us. Über ein Jahr als Englischlehrerin an einer Eliteuni in Pyongyang,
Leta Hong-Fincher – Leftover Women. Vielleicht das Buch schlechthin momentan zum Stand der Gechsctergerechtigkeot in China. Gleichzeitig eine gute Einführung und fundiert und tiefgehend, habe es verschlungen.
Koonchun Chang – The Fat Years. Chinesische SciFi, die in unserer Gegenwart spielt und beunruhigend nah an der Wirklichkeit ist.

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Filmisch:
Thor 2. Dabei permanent an Dr. Horrible gedacht und gelacht.
Captain America – The Winter Soldier
Guardians of the Galaxy, um endlich den Spitznamen eines guten Freundes zu verstehen.

Kulinarisch:
Guangzhou Streetfood, inklusive großer Mengen frischer Smoothies.
Selbstgekochtes und Bier unter dem Hong Konger Himmel.
Xinjiang-Essen mit besten Debattierern.
Pizza, Bier und heiße Schokolade mit Bailey’s für die post-Turnier-Entspannung.
Burger und Game of Thrones.

Gehört:
Nickelback mit viel Bier und tollen Menschen.
Dauerbrenner Powerwolf und Disturbed.
Eisbrecher, inklusive Erinnerungen an das Jahr in Shanghai, als ich sie zum ersten Mal hörte.
Avantasia – endlich mal etwas mehr Musik von ihnen besorgt und sehr viel auf dem Fahrrad vor mich hin gesungen.
Woodkid – Stressmonat verlangt nach stresslösender Musik.

Journalistisch:
Fünf für 650 Millionen – über die fünf Feministinnen, die in China in Haft waren und Anfang des Monats freigelassen wurden, aber immer noch angeklagt werden können.
Über Facebook und Internet.org in Indien und die dortige Kampagne für Netzneutralität.
Über die beliebtesten Apps in China und wie diese doch anders sind als ihre europäischen Äquivalente, weil sie perfekt an den chinesischen Markt angepasst sind.
Über Tourismus in China und seine Auswüchse – unter anderem Zäune um die Wüste.
Eine Bilderreihe über Chinas Straßen und die Menschen und das Essen, die man in ihnen findet.

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Gelernt:
Wenn man aus ärmeren Verhältnissen kommt und es dann doch an eine der chinesischen Eliteunis schafft, ist man dort so fehl am Platze, dass die eigenen Kommillitonen noch Jahre später Anekdoten über einen erzählen.
Dinge über die chinesische Debattierszene, die ich vielleicht nicht wissen wollte.
Wie man Asian Parliamentary-Debatten funktionieren.
Auf bestimmte Emails muss man schnell antworten, sonst kriegt man Ärger.
Dinge über Feminismus und die Situation von Frauen in China – manches spannend und motivierend, anderes frustrierend und traurig.
Ich kann eine Präsentation über wissenschaftliche Methodik auf Chinesisch halten. Achievement unlocked?
Die Welt ist so klein, dass ich an der Tsinghua zufällig mit dem ehemaligen Mitschüler einer meiner französischen Kommilitoninnen an einem Projekt arbeiten muss.
OccupyHK ist immer noch irgendwie da, aber nicht wirklich.
Wenn man Geburtstagsgeschenke braucht und keine Ideen hat, kann ein Trip nach Hong Kong Wunder wirken.

Neue Pläne:
Das Beste aus den letzten Wochen in Beijing machen.
Den August in der Türkei Türkisch lernen.

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Buchempfehlung: “A Tibetan Revolutionary”

Wer mir auf Twitter folgt, hat es neulich vielleicht mitbekommen: Phuntsok Wangyal (kurz: Phünwang), einer der Gründer der tibetischen kommunistischen Partei ist am 30. März in Beijing gestorben. Ich belege dieses Jahr ein Seminar zur modernen Geschichte Tibets und hatte während der Vorbereitung für einen Vortrag zur Invasion durch China bereits Ausschnitte seiner Biografie gelesen und habe dann gestern das gesamte Buch beendet.

Der volle Titel ist “A Tibetan Revolutionary: The Political Life and Times of Bapa Phüntso Wangye” und auch, wenn es in der ersten Person geschrieben ist, war der Autor in erster Linie Melvyn Goldstein – das Buch beruht auf zahlreichen Gesprächen, die er mit Phünwang führte, und um diese Perspektive zu erhalten, hat er sie aus seinen Aufnahmen für das Buch übernommen.

Über Tibet wird ja im Zusammenhang mit China immer mal wieder geredet, aber selten unabhängig davon – wir alle wissen, dass es da diesen Teil Chinas und diesen Dalai Lama gibt, aber da hört es oft auch schon auf. Ich habe zum Beispiel selber vor kurzem erst gelernt, dass Tibet im Wesentlichen aus drei Regionen besteht, von denen eine die TAR (Tibetan Autonomous Region) bildet (Ü-Tsang) und zwei Teile chinesischer Provinzen sind (Amdo und Kham), und dass in jeder Region ein anderer tibetischer Dialekt gesprochen wird. Obwohl in allen Regionen die gleiche Schriftsprache benutzt wird, können sie einander nicht verstehen.

Ich denke, dass es durchaus nützlich ist, sich vor dem Lesen von “A Tibetan Revolutionary” zumindest ein bisschen tibetische Geschichte anzulesen, um eine grobe Idee von den Ereignissen zu haben, die aus Phünwangs Sicht geschildert werden. Auch ohne dieses Vorwissen ist das Buch allerdings sehr gut verständlich und man kann den Ereignissen meist problemlos folgen (allerdings bin ich durch mein Studium auch etwas vorbelastet, was chinesische Geschichte angeht).

Aus meiner Sicht ist “A Tibetan Revolutionary” besonders interessant, weil es eine einzigartige Perspektive zur tibetisch-chinesischen Geschichte beiträgt: Phünwang selber wuchs in Kham auf, also eine tibetischen Region, die bereits vor der Invasion durch die PLA (People’s Liberation Army) von Tibet zu China gehörte. Obwohl er ethnisch gesehen Tibeter ist, kommt auch er also als Fremder nach Tibet, als er das Land zum ersten Mal besucht, und ist geschockt von der starren, feudalistischen Gesellschaft und der Schere zwischen Arm und Reich, die ihm begegnet.

Seine kommunistischen Überzeugungen haben allerdings viel frühere Wurzeln: Während er in der Stadt Batang aufwächst, ist die tibetische Region unter der Herrschaft eines Kriegsherren, der offiziell mit der Kuomintang (der nationalistischen Regierung seit Sturz der Qing-Kaiser) zusammenarbeitet. Der Konflikt zwischen der tibetischen Minderheit und der Han-Mehrheit (die vorherrschende Ethnie in China) ist etwas, mit dem Phünwang genauso aufwächst, wie mit ersten Versuchen anderer Khampa, das Land von der Herrschaft der Chinesen zu befreien.

Durch Überzeugungskraft schafft Phünwang es, mit einem Onkel ins “richtige” China zu ziehen und eine der Regierungsschulen zu besuchen – hier kommt er auch über einen Lehrer, der ihm heimlich Marx, Lenin und Stalin zu lesen gibt, das erste Mal in Kontakt mit kommunistischen Theorien. Zunächst unabhängig von der CCP entwickelt Phünwang sein eigenes Verständnis davon, wie der Kommunismus funktioniere sollte und besonders, wie er Autonomie für die Tibeter bewirken und so ihre Situation verbessern könnte (die Frage, wie mit ethnischen Minderheiten in einem kommunistischen System umgegangen werden sollte, war immer wieder Thema in den Werken aller oben genannten Autoren).

Die erste Hälfte des Buches beschäftigt sich im Wesentlichen mit dieser Entwicklung des jungen Phünwang und den ersten Versuchen der frischgegründeten tibetischen kommunistischen Partei, wechselnd in Tibet und Kham einen Aufstand zu organisieren, die starre, feudalistische Gesellschaft zu revolutionieren und Autonomie für alle Tibeter zu erreichen. Ich fand diesen Teil besonders für die Perspektiven, die er eröffnet, interessant – man lernt aus der Sicht von Phünwang das Tibet und das China der 30er und 40er Jahre kennen, allerdings immer in Verbindung mit den großen politischen Ereignissen (wie die Invasion durch Japan oder den Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Nationalisten), die in Phünwangs Leben eine Rolle spielen.

Das Setting im zweiten Teil des Buches ist deutlich anders: Phünwang wird kurz vor ihrem Sieg im Bürgerkrieg Mitglied der kommunistischen Partei und spielt eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen zwischen Tibet und der CCP unmittelbar nach der Invasion durch die PLA, ist als Übersetzer maßgeblich an den Verhandlungen zum berühmten 17-Punkte-Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets beteiligt und wird während dessen Besuch in Beijing ein guter Freund des 19-jährige Dalai Lamas.

Als Angehöriger der tibetischen Minderheit, vergleichsweise hoher Funktionär in der CCP und überzeugter Kommunist erlebt er die Jahrzehnte nach der Machtergreifung der chinesischen Kommunisten aus einer einzigartigen Perspektive. Als einziges Mitglied der PLA in Tibet, das örtliche Kultur versteht, und einziger Tibeter, der den Kommunismus kennt, versteht er sich anfangs lange als Übersetzer zwischen zwei grundverschiedenen Welten, der den Chinesen die tibetischen Traditionen und den Tibetern die Vorteile des Kommunismus zu erklären versucht.

Der Idealismus, den er aus seiner ausgedehnten Lektüre marxistischer Literatur zieht, wird immer wieder mit der Realität in der Partei konfrontiert – was ihn allerdings nie davon abhält, besonders die Politik gegenüber ethnischen Minderheiten zu kritisieren und öffentlich sein eigenes Verständnis marxistischer Theorie darzulegen. Dieser Idealismus lässt trotz allem nie nach und er ist bis zuletzt davon überzeugt, dass er als Stimme der tibetischen Minderheit Funktionären der Partei die Augen öffnen kann und muss – bis kurz vor seinem Tod bleibt er eine kritische Stimme in der CCP und führte u.a. in den 90ern eine langes Gespräch mit Präsident Jiang Zemin über die Situation der ethnischen Minderheiten in China.

In diesem Sinne spreche ich für “A Tibetan Revolutionary” eine klare Leseempfehlung aus – auch, wer sich nicht besonders für Geschichte interessiert, sondern einfach ein neugieriger Mensch ist oder mal ein bisschen mehr über den Tibet-China-Konflikt lernen möchte, als in Nebensätzen in Zeitungen erwähnt wird, sollte sich zumindest die ersten paar Kapitel anschauen und dann entscheiden, ob ihn der Stil anspricht.

Das spannende Leben des idealistischen, manchmal leicht naiven, aber zweifellos intelligenten Phünwang spannt einen Bogen von den Jahren der Instabilität in China nach dem Sturz der Manchus bis in die 80er, in denen die CCP sich nach Maos Tod neu ordnet und bald nach außen öffnen wird. Es ist allerdings keine Geschichte Chinas, sondern vielmehr eine Geschichte der Beziehung zwischen einer ethnischen Minderheit und einer Mehrheit, Tibetern und Han-Chinesen, und einer Person, die verzweifelt versucht, diese beiden Welten irgendwie zusammenzubringen – und als solche absolut lesenswert.

Februar Wrap-up – die schönen Dinge

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Where are we going and who are we now?
– Joshua Radin

Geografisch:
Brüssel, weil es dort tolles Bier und tolle Menschen gibt.
Le Havre – muss halt.
Deutschland (im Kopf und im Magen, mit Gesprächen auf Deutsch über deutsche Politik bei Käsespätzle und Apfelzimtwaffeln).
Marokko (Marrakesch, Fez, Ourika), weil Minztee und Sonne fetzen und ich lange kein neues Land mehr entdeckt habe.
Paris & Lille (in Transit) – muss halt.

Literarisch:
“BDSM and Culture” – Clarisse Thorn (joa)
“The Wandering Falcon” – Jamil Ahmad
“The Night Circus” – Erin Morgenstern (<3 ❤ <3)
“Like Gold that fears no Fire” – International Campaign for Tibet

Kulinarisch:
Apfel-Honig Challah
Bananenbrot mit flüssigem Schokoladenkern (sehr, sehr geil)
Möhrenkuchen mit Kokosfrosting
Joghurt-Brownies, bei denen jedes Stück “wie ein Glas Kakao schmeckt”
Möhren-Apfel-Kokos-Bananenbrot
Unendlich Saftiger Apfel-Mandelkuchen

Musikalisch:
Volbeat (Erinnerungen an sommerliches Verliebtsein und zum durch-die-Wohnung-tanzen)
The Glitch Mob (zum Arbeiten)
Powerwolf (an schlechten Tagen und um die Nachbarn zu ärgern)
Joshua Radin (melancholisch-verliebte Erinnerungen, ohne zu wissen, um wen es ging)
Macklemore & Ryan Lewis (“No freedom ’til we’re equal”)
Fettes Brot (“Irgendwie war’s jedes Mal für immer”)

DSC02471Gelernt:
Dinge über die legale Auffassung von Hacken in Frankreich.
Wie man richtigen marokkanischen Tee macht.
Ebook-Reader heißt auf Französisch offiziell “liseuse”.
Ich kann halbwegs glaubwürdig einen Mafiaboss verkörpern, solange ich mir das Lachen verkneife, und eine Belgierin, solange keine Belgier anwesend sind.
“Bis zum nächsten Mal!” – “Inshallah!” und andere Dinge auf Arabisch.

Neue Pläne:
La Rochelle besuchen, weil Menschen mich einluden und ich viel zu wenig von Frankreich gesehen habe.
Paris (Arbeit und Vergnügen), um tolle Menschen, die ich kennenlernte, wiederzusehen, und mich ihnen die ein oder andere Weinflasche zu leeren.
Über Dinge schreiben – Identität & Sprache, Liebe, Computerdinge in Frankreich, Smartphone-Dinge in Asien, Sexdinge in Japan.
Zwei Menschen wiedersehen, mit denen ich seit 4 Jahren nicht mehr von Angesicht zu Angesicht gesprochen habe.

Schwerwiegendes Gepäck

Ich musste heute wieder daran denken, wie es früher immer in den Familienurlaub ging. “Früher” endet in diesem Fall erst vor ein paar Jahren.

Vielleicht kennt ihr das ja, wenn es einmal im Jahr in den obligatorischen kollektiven Urlaub geht, sei es ans Meer, in die Großstadt oder gar in den schwedischen Wald. In meinem Fall spielte sich aber vor jedem Urlaub, unabhängig vom Reiseziel, eine ganz bestimmte Szene ab, in der ich schon früh wie ein chinesischer Händler gefakter Markenklamotten feilschte – allerdings ging es nicht um Geld, sondern um Seiten.

Das Vorspiel fand meistens in der Stadtbibliothek und bei den Ständen mit den runtergesetzten Büchern beim Buchladen in der Innenstadt statt. Besonders in der Bücherei würde ich mir einen dieser alten Plastikkörber mit Metallgriff nehmen und erstmal in Ruhe die Regale inspizieren. Ich hatte zwar schon eine eigene Uhr, aber Zeit spielte eigentlich keine Rolle – ich kann mir vorstellen, dass ich eine gute Stunde zwischen den Büchern verbrachte, jedes Mal, wenn mich ein Titel oder ein Cover ansprachen, skeptisch den Klappentext durchlas und manchmal auch einen Blick auf die ersten Seiten warf, bevor es im Korb oder zurück im Regal landete. Die Kunst bestand darin, eine ausreichende Menge an gutem Lesematerial zu finden, das trotzdem noch in meinen Fahrradkorb passen würde. Gewicht spielte keine Rolle.

War ich dann mit der Beute wieder zuhause, galt es noch einmal, eine Auswahl zu treffen – aus dem “Ungelesen”-Stapel gekaufter Bücher neben dem Bett und den Neuankömmlingen musste  irgendwie ausreichende, abwechslunsgreiche Urlaubslektüre zusammengestellt werden.

Die auserwählten wurden schließlich auf dem Flur gestapelt und den Eltern präsentiert. Hier gilt zu bedenken, dass ich Bücher wirklich verschlang – und das Gleiche galt für meine Schwester. Man stelle sich ihre Begeisterung beim Anblick der kleinen Büchertürme vor, die alle unbedingt ins Gepäck gehörten – sie hielt sich in Grenzen. Als unsere Lesewut zu große Ausmaße annahm, gingen sie schließlich dazu über, uns eine Seitenbegrenzung pro Tag zu setzen. Das konnte dann in etwa so ablaufen:

Eltern: “Okay, wir sind zwei Wochen weg und du kannst 300 Seiten pro Tag mitnehmen.”

Ich: “Uh, nur 300 Seiten pro Tag? Aber wenn ich mal ganz viel lese?”

Eltern (mit bedeutungsschwangerem Blick in Richtung der Büchertürme): “Na, das musst du dir dann eben einteilen. Jetzt zählen wir mal die Seiten und gucken, wie viel das hier ist.”

Unnötig zu erwähnen, dass im Laufe des Zählprozesses meinerseits gerne einmal 10 Seiten hier und 20 Seiten dort unterschlagen wurden, man wollte ja auf runde Zahlen kommen.

Ich: “Also, wenn ich das jetzt durch 14 teile, komme ich auf 350 Seiten pro Tag. Das ist doch bestimmt okay, oder?”

Eltern: “Eigentlich hatten wir ja 300 gesagt… und denk’ auch dran, dass wir den ersten und letzten Tag komplett im Auto sitzen, da kannst du ohnehin nicht lesen.” (zu meinem größten Leidwesen gehörte und gehöre ich immer noch zu den Leuten, die nicht im Auto lesen können)

Ich (200 Seiten Buch hochhaltend): “Also, ich kann das hier zuhause lassen.”

Eltern (auf den 600 Seiten Fantasy-Wälzer zeigend): “Willst du nicht lieber den hierlassen?”

Ich (entsetzt): “Aber das ist der letzte Teil der Trilogie und ich muss doch wissen, wie es ausgeht!”

Nach weiteren Verhandlungen würde ich schließlich irgendwann nachgeben, es würde ein Kompromiss gefunden werden (“Aber nur, wenn du die beiden Bücher in dein eigenes Gepäck tust!”) und in meinem eigenen Rucksack würde sich – natürlich – noch mindestens ein zusätzliches Buch finden. Den Eltern ist ja nicht zu trauen, die haben doch keine Ahnung, wie überlebenswichtig es ist, dass ich dieses Buch vor Ende des Monats lese!

Diese Mengen an Büchern, die wir jedes Mal aufs Neue mit auf Reisen schleppten, resultierten dann beim Reiseziel in einer designierten “Bücherecke”, wo zwei, drei Kisten mit dem Lesestoff der ganzen Familie standen. War ein Buch ausgelesen, gab es einen Gang zur Bücherkiste, um unter den vielen Bänden den nächsten auserwählten zu finden. Manchmal auch zwei, wenn die Entscheidung besonders schwerfiel.

Let’s meet again somewhere

„I’ll keep it in mind“

„Allright then“, Tamaru said, „let’s meet again somewhere.“

„Again somewhere“, Aomame repeated by reflex.

Ich lese gerade habe gerade Haruki Murakami’s „1Q84“ gelesen. Er ist ja bekannt für seine schrägen Geschichten und obskuren Schlenker mit merkwürdigen Protagonisten. Und dass er nicht davor scheut, einen Frosch in einer kleinen Tokyoter Junggesellenwohnung auftreten zu lassen.

Bei der ersten Begegnung mit Murakami hatte ich im Universum von „Mister Aufziehvogel“. Ich zog es als Gymnasisastin aus dem muffigen Regal in unserer kleinen Stadtbücherei, vor allem angezogen von dem japanischen Namen (ich ging gerade durch meine Mangaphase). Eigentlich war das Buch eher abschreckend und in meiner Erinnerung auch immer noch das Abstruseste, was ich von ihm gelesen habe. Gute 800 Seiten verwirrende Merkwürdigkeiten. Aber irgendetwas an seinem Schreibstil hat mich doch berührt – und so habe ich Jahre später bei einem der Straßenbuchhändler in Shanghai ohne zu zögern nach „Norwegian Wood“ gegriffen. Und es geliebt.

Normalerweise lese ich keine Liebsromane. Nur diesen einen, der eigentlich keiner ist. „Norwegian Wood“ ist zwar Liebe und etwas Tragik (so sülzig das jetzt auch klingen mag), es ist aber auch so viel Mysterium dabei, das man das leicht vergisst. Es ist, als ob die Liebesgeschichte in das Geheimnisvolle und Absurde hineingewoben wird, um etwas ganz Neues zu ergeben. Die Welt, die Murakami beschreibt, ist keineswegs abwegig. Vielleicht ist das ja die Welt, die andere Menschen sehen, wenn sie morgens aufwachen, das sind die Leuten, denen sie begegnen, das sind die Konversationen, die sie führen.

Ein gutes Jahr später bin ich dann während meiner Herbstferien von der Uni in einem kleinen Londoner Second Hand-Buchladen nahe am Wasser auf die Kurzgeschichtensammlung „After the quake“ gestoßen, las es, dachte mir „Okay.“ „Norwegian Wood“ wirkte immer noch nach und irgendwie war dies nicht ganz, was ich mir erhofft hatte.

Nochmal einige Monate später stolperte ich über eine ebook-Version von Murakami’s neuestem Buch „1Q84“, das vor allem mit seinem merkwürdigen Titel zunächst für Aufmerksamkeit gesorgt hatte (der übrigens im Japanischen ein mehr oder minder cleveres Wortspiel ist). Ich lud es auf meinen Kindle und als ich in den Frühlingsferien müde und zerschlagen im Flugzeug zwischen Istanbul und Zürich saß und Schweizer Schokolade aß, bekam ich plötzlich wieder Lust auf eine etwas geheimnisvolle, ein bisschen absurde und vielleicht sogar berührende Geschichte.

Irgendwie liegt „1Q84“ irgendwo zwischen dem Aufziehvogel und der Liebsgeschichte von „Norwegian Wood“ – es hat seine Obskuritäten, es hat aber auch liebevoll beschriebene Charaktere. Wieder einmal sind sie in eine etwas kitschige Liebesgeschichte verwickelt, aber dafür gibt es da das Mädchen, das ohne Satzzeichen spricht, und die kleinen Menschen, die Magie aus der Luft holen, um mit ihr zu weben. Und immer wieder diese Momente, bei denen ich nur denke „Hach!“, Stellen, wo die Worte zu so berührenden Passagen aneinandergereiht sind, die mich einen ganzen Tag nicht in Ruhe lassen. Wie die ganz am Anfang des Textes.

Vielleicht liegt es daran, dass Murakami’s Charaktere nicht viel reden. Sie denken dafür umso mehr. Ich habe mal gehört, man sagt dann schlauere und tiefergehenden Dinge, wenn man sich vorher die Mühe macht, drüber nachzudenken. Vielleicht ist ja tatsächlich was dran.

Am Ende ist “1Q84” ein wundervolles Buch, das auf tausend Seiten in eine Welt entführt, die der unseren ähnelt, aber wie “Norwegian Wood” ein Stück fantastischer ist. Die Menschen in dieser Welt handeln, aber sie denken mehr, nehmen die Welt intensiv wahr und denken dann noch etwas. Inmitten all dieser halb- und zu Ende gedachten Gedanken passieren auch Dinge, Menschen treffen, verlieren und verpassen einander, sie driften oder schwimmen entschlossen durch die Geschichte. Murakamis Erzählung ist eine Art Schwebezustand, in dem jederzeit alles passieren kann. Das Einzige, worauf man sich bei ihm verlassen kann, ist, dass am Ende alle Fäden lose und alle Fragen offen bleiben.

Eine Woche, nachdem ich die letzten Seiten von “1Q84” gelesen habe, sehe ich auf Facebook, dass eine Kommilitonin von mir eine von Murakamis Kurzgeschichtensammlungen verkauft – “The Elephant vanishes”.

Let’s meet again somewhere. Be it in Europe or in Asia, in paper or in e-ink, in a bed or aboard a train.