Wir können das Problem nicht wegignorieren

Auf die Gefahr hin, eine Debatte aufzugreifen, die eigentlich schon vorbei ist, wollte ich auch noch einmal meine Meinung zu der Tor-Anonymisierungsdienst-Sache aufschreiben, nachdem ich mit Niels auf Twitter darüber diskutiert und ihm eine längere Antwort versprochen hatte (und weil es, um @ningwie zu zitieren “zu viele Tweets und zu wenig Blogposts” zu (je)dem Thema gibt).

Meine Meinung habe ich mir gebildet, nachdem ich bisherige Beiträge zum Thema gelesen habe, angefangen mit @leitmediums Beitrag “Darf man Anonymisierungsdienste kritisieren?” und dem Folgetext “Für ein ‘Recht’ auf Schutz vor Anonymität“. Auf der Gegenseite haben sich ‘John F. Nebel’ beim Metronaut (“Da freut sich der Salamitaktiker“) und Frank Rieger in “Anonymisierungsdienste und asoziales Verhalten” geäußert.

Dazu gab es noch paar andere Texte, besonders hervorheben würde ich aber gerne den von Niels, denn in “Sollte Tor erklären, wie man sich davor schützt?” ist er, soweit ich das sehe, der Einzige der leitmedium-Kritiker, der sich tatsächlich der eigentlichen Frage widmet und keinen Strohmann attackiert.

Was bisher geschah

Soweit ich @leitmedium verstehe, beschäftigt er sich mit der gleichen Frage wie Niels: Ob Tor Informationen dazu bereitstellen sollte, wie man sich vor ihrem eigenen Dienst schützen kann. @leitmedium meint: ja. Denn “es gibt kein Recht, Menschen anonym erreichen zu können“.

Auch bei genauem Lesen der beiden Gegentexte habe ich keine wirklichen Argumente gegen diese These gefunden. Franks Text liest sich vor allem als Argument gegen ein allgemeines Torverbot, was mit @leitmediums These wenig zu tun hat. Am Ende seines Textes schreibt er allerdings etwas Interessantes: “Es steht jedem frei, sich seine eigenen Foren im Netz zu schaffen, mit seinen eigenen Regeln und Ansprüchen. Ein Recht darauf, jedem Anderen in seinen digitalen Vorgarten zu pinkeln, gibt es jedoch nicht.

Für mich hört sich das so, als hätte er in diesem konkreten Fall die gleiche Meinung wie @leitmedium: Dass man sich seine eigenen Foren schaffen können sollte, wenn man von der ganzen Hatespeech im Internet die Nase vollhat. Oder eben Filtersouveränität (siehe mspro).

Der Text beim Metronaut ist eine Sache für sich, doch nach Wegschneiden aller FBI-Vergleiche ist die Grundaussage, dass die Kritik an Anonymisierungsdiensten von der wesentlichen Debatte um Sicherheit durch Anonymisierung ablenkt: “Die Hater-Debatte […] hat eine technische Seite, in der es darum geht, dieses Verhalten technisch zu unterbinden. Hierzu gibt es schöne Vorschläge, die eben nicht die digitale Selbstverteidigung von Grundrechten gegenüber dem Staat, in Misskredit bringen.”

Dann gibt es noch Niels, der sich der gleichen Frage wie @leitmedium widmet und fragt, wer die Verantwortung für den Schutz vor Dingen wie Stalking via Tor tragen sollte. Seine Antwort: Nicht Tor. Sein Argument: Tor würde damit seinen Gegnern (BND- und CDU-Mitgliedern) politische Munition für ein komplettes Verbot des Dienstes liefern. Stattdessen schlägt er vor, dass es eine unabhängige Stelle geben sollte, die über entsprechende Tools informiert, mit denen sich z.B. Opfer von Stalking schützen könnten.

Was geschehen sollte

Niels’ Argument, dass Tor Gegnern durch eine Bereitstellung von Informationen zum Schutz vor anonymen Kommentaren Gegnern politische Munition liefern würde, halte ich für falsch. Meiner Meinung nach stimmt das Gegenteil: Tor würde sich viel eher in die Schusslinie begeben, wenn es sich dieser Verantwortung entzieht. Eine unabhängige Stelle, die Nutzer über mögliche Tools informiert, um sich vor anonymem Mails oder Kommentaren zu schützen, würde weder das Problem noch entsprechende Tools verschwinden lassen. Vielmehr würde die Entität, die zugibt, dass es dieses Problem gibt, nicht Tor, sondern jemand anderes sein – um Tor zu schützen.

Auf den ersten Blick wirkt das plausibel, ich sehe jedoch zwei wichtige Gründe, die dagegen sprechen: Sobald anerkannt wird, dass es Probleme wie Hatespeech oder Stalking via Tor gibt, oder das Problem zumindest auf den Tisch kommt und Tor nach einer Meinung gefragt wird, müssen sie so oder so Stellung beziehen. Sie können schlecht darauf verweisen, dass das jemand anders schon für sie gemacht und ihre Verantwortung übernommen hat.

Das Argument, das ich für wesentlich schwerwiegender halte, ist, dass Tor durch ein Statement und Infos auf seiner eigenen Seite die Debatte “framen” und seine eigene Sicht auf die Dinge klar darstellen kann, anstatt das Thema krampfhaft zu vermeiden. Das könnte zum Beispiel so aussehen (ich bin keine PR-Expertin, ist nur eine Idee):

“Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass Tor von einigen Individuen auch für Ziele wie Stalking oder Hatespeech genutzt wird, die wir absolut nicht unterstützen, und so auch polizeiliche Ermittlungen in diesen Fällen erschwert. Wir stellen uns ganz klar gegen derartiges Verhalten und möchten den Opfern gern eine Möglichkeit geben, sich davor zu schützen. Deswegen können sich Betroffene hier Tool xyz runterladen, mit dem sie via Tor versendete Kommentare bei WordPress unterbinden können, und hier Tool abc für Mail Clients E, F, G und H, das über Anonymisierungsdienste gesendete Mails direkt in den Spamordner verschiebt. Wir möchten damit ein klares Statement abgeben, dass wir die Verwendung Tors für diese Zwecke nicht gutheißen und Opfern eine Möglichkeit bieten möchten, sich vor dieser kleinen Gruppe von Tor-Nutzern zu schützen.”

Ich habe auch die Kritik gehört, dass Tor selber durch das Bereitstellen solcher Tools selber dem Blocken des Dienstes durch nicht-demokratische Regierungen Vorschub leisten würde. Das Abstellen von über Anonymisierungsdienste geschriebenen Edits für die Wikipedia und Ähnliches kriegen autoritäre Regierungen allerdings auch sehr gut alleine hin, wie der Fall Chinas zeigt. Soweit ich das sehe, ist das Blocken anonymisierter Emails oder Kommentare in WordPress-Blogs bei der Stalkingproblematik weithaus relevanter. Und so weit, dass nur anonymisierte Kommentare in einem Blog oder anonyme Emails in meinem Postfach die Pressefreiheit retten, sind wir meines Erachtens nicht. Wenn ich Niels richtig verstehe, scheint es diese Tools ohnehin schon zu geben. Ohne generalisieren zu wollen, würde ich mal tippen, das zensierende Regierungen diese ohnehin finden – im Gegensatz zu Stalkingopfern, denen ein klarer Hinweis auf Tors Seite schnell helfen könnte.

Gleichzeitig könnte Tor sich mit einem klaren Statement aus der Schussbahn von Kritikern bewegen, denn den Standpunkt, dass man dazu in der Lage sein sollte, sich gegen Stalker zu wehren, kann wohl nicht einmal die CDU kritisieren.

Auch das Argument, dass Täter schlicht auf andere Dienste ausweichen würden, zieht nicht – andersherum könnte man argumentieren, dass auch der digitale Aufrüstungswettkampf zwischen Internetnutzern und der chinesischen Regierung nutzlos wäre, da die neue Tools nach einer gewissen Zeit meist blockt (nach aktuellem Stand übrigens auch Tor). Ich bin gespannt, wer dieses Statement unterschreiben würde.

Dann ist da noch das eine Argument im Kriegsrethorik-Text beim Metronaut, dass die Debatte vom Wesentlichen ablenken würde und wir uns lieber mit der Überwachung durch die NSA beschäftigen sollten. Wenn es die Tools, mit denen man sich vor anonymisiert geschriebenen Kommentaren und Mails schützen kann, ohnehin schon gibt, müsste Tor sie nur auf seine Seite stellen (das ginge auch schneller, als die Einrichtung einer unabhängigen Informationsstelle, die man vielleicht danach nebenher in Angriff nehmen könnte) und schon könnten wir uns wieder dem Wesentlichen widmen – ob das nun der Schutz vor Massenüberwachung oder eine soziale Lösung des Haterproblems ist.

Caveat zum Abschluss

Auch wenn man sich in diesem konkreten Fall auf eine Antwort auf die Frage nach der Verantwortung für den Schutz von Stalkingopfern etc. einigen sollte, ändert das nichts an der Tatsache, dass Anonymisierungsdienste nicht nur für den Erhalt der Pressefreiheit und Schutz von Whistleblowern genutzt werden. Selbst wenn Nutzer mit anderen Intentionen unter 1% aller Tor-Nutzer ausmachen, halte ich es für wichtig, zumindest ernsthaft über das Thema zu reden, wenn so beispielsweise Ermittlungen in Fällen von Stalking oder Drohungen erschwert werden.

Für mich ist das Problem allerdings noch etwas abstrakter: Einerseits misstrauen viele Netzaktivisten der Polizei mit ihren persönliche Informationen (oft nicht ohne Grund), andererseits sind andere Menschen, auch in diesem Internet, auf die Polizeit angewiesen, um sie zu schützen. Beide Sichtweisen und Bedenken haben ihre Daseinsberechtigung, doch die Frage, wie wir damit umgehen, bleibt offen. Ein Problembewusstsein für diese Dichotomie wäre aber auf jeden Fall schon einmal ein erster Schritt in Richtung Lösung. Ich finde diese Diskussion selber schwierig und würde niemals behaupten, irgendwelche perfekten Antworten zu haben oder für eine Sperrung von Tor wie hier in China stimmen.

Doch sobald die Nutzung eines Tools auch Menschen zu Schaden kommen lässt, ist es zynisch, diese Tatsache mit dem Argument, man habe Wichtigeres zu tun, einfach zu ignorieren. Es erinnert mich an eine Argumentation, die ich in Beijing letztes Wochenende auf einem Debattierturnier öfters zu hören bekam – dass man das Glück Einzelner eben manchmal übergehen müsse, um sich stattdessen auf das Wohl der gesamten Gesellschaft zu konzentrieren. Ist das wirklich eine Argumentation, die sich die Fraktion “Verteidiger der Demokratie via Tor” auf die Fahnen schreiben möchte?

Und überhaupt: Wer Zeit hat, Strohmänner-attackierende Repliken zu schreiben, kann schlecht behaupten, dass für eine solche Debatte neben dem Kampf gegen Massenüberwachung die Zeit fehle. In dem Fall hätte es auch ein höfliches “Ich erkenne das Problem, habe aber andere Prioritäten” getan.

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4 thoughts on “Wir können das Problem nicht wegignorieren

  1. 500woerterdiewoche

    Schöne Zusammenfassung der Debatte, überzeugende Argumentation – und dass Problembewusstsein und die Bereitschaft, das anzusprechen, zumindest ein notwendiger erster Schritt in Richtung möglicher Lösungen ist, stimmt wohl nicht nur bei diesem Thema.

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  2. Pingback: #Briefing: Scampaigning, mit Fon wird Wi-Fi social, Twitter erobert Apps mit Fabric, USB-Schlüssel für Google-Konten und mehr - Social Media Watchblog

  3. Emma

    TOR ist ein Projekt bei dem jede*r mitmachen kann. Was spricht dagegen, dass du deinen Vorschlag für den Disclaimer dort direkt einreichst?

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  4. Pingback: Links! Aus diesem Internet. | Drop the thought

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