Monthly Archives: November 2013

Meanwhile in Asia (3): China macht sich Feinde im eigenen Land, in Asien und aus Journalisten

China provoziert bei einem seiner vielen Territorialkonflikte
China macht sich mal wieder neue Freunde in Asien mit der Einrichtung einer neuen Air Defense Zone in einer der Regionen, zu denen es Territorialkonflikte gibt. Das Ganze ist praktisch eine Gegend, die China nun wie sein Hoheitsgebiet betrachtet und wo es demnach entsprechend auf ausländische Durchquerungen reagieren wird – interessanterweise überschneidet sich das Ganze mit einer Region, die u.a. Japan für sich beansprucht. AP argumentiert, dass China hier mehr langfristig denkt und gleichzeitig nationalistische Forderungen ansatzweise bedienen will, andere sehen das Ganze mehr als eine Provokation. Die Bedeutung dieser Zone wird davon abhängen, wie viel Wert China darauf legt, sie durchzusetzen – das wiederum wird sich wohl erst in der nächsten Zeit zeigen.

Korruption in China: Politiker und ausländische Firmen
Die New York Times hat vor gut einer Woche für Aufsehen gesorgt, als sie einen Artikel zu den engen Verbindungen zwischen der amerikanischen Bank JP Morgan und der Tochter des früheren chinesischen Premiers Wen Jiabao veröffentlichet. Im Großen und Ganzen geht es darum, wie gute, angeblich geschäftliche Verbindungen der Bank anscheinend geholfen haben, ihre Geschäfte in China auszubauen. Worauf ich eigentlich hinauswollte ist dieser Artikel von Bloomberg, der sich (vermutlich anlässlich der JP Morgan-Sache) mal erklärend der “Korruptionskultur” in China widmet und einen recht guten Überblick gibt, mit welchen Schwierigkeiten ausländische Firmen sich in China herumschlagen.

“Project Beauty” – Schleierverbot für eine ethnische Minderheit Chinas
Die chinesische Regierung beweist mal wieder ihre Sensibilität bei ethnischen Fragen – in der nordwestlichen, zentralasiatischen Provinz Xinjiang wird in letzter das wohl wieder verstärkt das “Project Beauty” betrieben, dass es uighurischen Frauen verbietet, Schleier zu tragen, und den Männern vorschreibt, ihre Bärte abzurasieren. Hintergrund sind vermutlich die Unabhängigkeitsbestrebungen einiger Uighuren und insbesondere einige als uighurische Terrorattacken beschriebene Vorfälle in den letzten Wochen und Monaten. Das Projekt scheint schon länger zu laufen, Yahoo! hat gestern allerdings einen Artikel dazu veröffentlicht, der sich auch den Hintergründen kurz und bündig widmet. So wie sich der Yahoo-Artikel liest, betreffen diese Regeln allerdings tatsächlich nur Uighuren – andere muslimische Minderheiten können sich weiter kleiden, wie sie wollen. Zugegeben, damit macht die Regierung sich wohl nicht gerade mehr Freunde in Xinjiang.

SIGINT-Leaks gibt’s übrigens auch in Asien (heute: Indonesien, China und Australien)
Eines australische Webseite berichtet von enger Zusammenarbeit zwischen Indonesien und China bei Spionage gegen Australien – anscheinend benutzt der indonesische Geheimdienst im großen Ausmaß chinesische Technik, um australische Telefone zu tappen. Was der Artikel großzügig auslässt, ist, dass vor kurzem bekannt wurde, dass Australien im großen Ausmaß Indonesien ausspioniert, anscheinend auch Teil der Snowden-Leaks. Die indonesische Regierung reagierte zunächst etwas hilflos, danach habe ich das Thema allerdings nicht weiter verfolgt.

Wie man Politik in China analysiert
Die Diskussionen zum 3. Plenum der CCP sind noch immer im Gange, mittlerweile sind sich alle recht einig, dass die wirtschaftlichen Reformen wohl irgendwie wichtig, wenn auch nicht unbedingt revolutionär sind und politische wohl noch etwas auf sich warten lassen werden. Dieser Artikel gibt mal einen kleinen Eindruck, wie detailliert ausländische Journalisten und Analysten die Worte im Communiqué des Plenums und die Rhethorik der chinesischen Führung analysieren, um herauszufinden, was die Zukunft für China bereithält – ziemlich detailliert.

Dauerbrenner Pressefreiheit in China (Further Readings)
In der chinesischen Version gibt es einen sehr schönen Text namens “The Transparent Chinese” – da bekommt man einmal eine Idee von dem Unterschied, den es zwischen dem Konzept des gläsernen Bürgers und eines “durchsichtigen Chinesen” gibt. Die China Digital Times hat sich der ganzen Sache mit dem unterdrückten Artikel bei Bloomberg noch einmal gewidmet und, wie sie es gerne tun, Reaktionen aus verschiedenen Kanälen zusammengetragen, definitiv eine nützliche Übersicht. Im Weiteren hat sich Paul Mooney, der langjährige China-Journalist, zu der Ablehnung seines Visums und der allgemeinen Situation ausländischer Journalisten in China geäußert.

Und zu guter Letzt die Fotos der Woche: 41 unzensierte Instagrams aus Nordkorea.

Meanwhile in Asia (2): Zensur, Sex und North Korea Chic

In China geht politisch gerade ein bisschen die Post ab – die Diskussion der Ergebnisse des 3. Plenums der CCP würde hier allerdings den Rahmen sprengen und da wird an anderer Stelle noch etwas Längeres folgen.

“A Game of Power” – China und ausländische Medien
Bloomberg, die angeblich aus Angst vor einem Rauswurf aus China einen Artikel (zunächst) nicht veröffentlichen haben nun einen China-Korrespondenten gefeuert – anscheinend werden in nächster Zeit insgesamt einige Bloomberg-Mitarbeiter ihren Job verlieren, aber gerade dieser eine Fall hängt wohl mit dem Leak von letzter Woche zusammen. Die New York Times hatte sich in ihrem Bericht über die Selbstzensur von Bloomberg auf anonyme Quellen innerhalb des Unternehmens bezogen und manche vermuten nun, dass der gefeuerte Michael Forstheye, der an der suspendierten Geschichte gearbeitet hat, dieser Leaker war. Ich vermisse dieses Thema bisher in den deutschen Medien komplett, sowohl New Yorker als auch der Economist haben sich damit nochmal etwas länger beschäftigt und fragen sich, welche Implikationen dieses Geschehen für Pressefreiheit hat und haben könnte.

11.11. – “Die ganzen Einsamen Einsen”
Eigentlich hätte das schon letzte Woche hierher gehört: Am 11. November war in China Single’s Day, an dem alles Singles offiziell über ihr Single-dasein traurig sein dürfen. Ich erinnere mich noch recht gut, dass es während meiner Zeit in Shanghai an diesem Tag unter Expats eine Menge Parties gab, die man wohl am ehesten als Hook-Up-Parties bezeichnen konnte. Viele Chinesen haben eine andere Methode um mit ihrer Trauer umzugehen: Sie gehen shoppen. Und so ist aus dem Singles-Day mittlerweile ein Riesengeschäft für diverses Onlinehändler geworden, die an diesem einen Tag des Jahres einen erheblichen Teil ihres Umsatzes machen, während gleichzeitig das Liefersystem zusammenbricht.

China’s Memory Hole – How to get deleted on Chinese Twitter
ProPublica hat ein sehr nettes Online-Tool namens “China’s Memory Hole” gemacht, mit dem man mal einen Einblick in die Bilder bekommt, die bei den menschlichen Zensoren den Löschtasten-Reflex auslösen. Das Sample von PP ist recht klein und die Ergebnisse können daher was die Proportionen der einzelnen Kategorien angeht auf keinen Fall als repräsentativ angesehen werden, der Wert des Projekts liegt m.E. eher darin, dass man einfach mal eine Idee von auf Weibo zensiertem Bildmaterial bekommt.

Und zum Schluss ein bisschen Sex…
…kommt ja immer gut. Shanghaiist ist tendenziell ein leicht trashiges Online-Magazin, aber diesen Beitrag fand ich doch irgendwie nett: Chinas Twitterer und andere Netzbewohner haben mal geschaut, welche eigentlich unschuldigen Charaktere denn euch Sexpraktiken ausdrücken könnten. Oh, the wonders of languages working with pictograms!

Anstieg japanischer Emissionen wegen Fukushima-Unglück
Japan hat sich offiziell von seinen recht ehrgeizigen Emissionszielen zurückgezogen und das Ganze etwas relativiert, als Grund wird das Unglück in Fukushima angegeben. Das scheint plausibel: Das rohstoffarme Japan, das sonst auf Importe angewiesen wäre, hat bisher stark Fokus auf nukleare Energie gesetzt. Aufgrund der Katastrophe in Fukushima sind nun alle Atomkraftwerke erstmal abgeschaltet worden, was dazu führt, dass das Land auf andere Energiequellen mit mehr Emissionen zurückgreift.

Und als Facepalm-Link des Tages gibt es “North Korea Chic”, laut Elle-Magazin einer der diesjährigen Herbsttrend…

Meanwhile in Asia…

Ich wundere mich immer wieder, wie wenig man bei uns eigentlich von dem mitbekommt, was in Asien passiert – und wie fremd der gesamte Kontinent oft zu sein scheint. Unser gesamter Campus hier ist darauf ausgerichtet, sich mit Asien zu beschäftigen, wir feiern das indische Lichterfest und das chinesische Neujahr und wenn Kimchi im Kühlschrank steht, wollen alle WG-Bewohner etwas abhaben.

Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass die deutschen Medien nicht übermäßig viel über Asien berichten – das ist kein Vorwurf, aber ich würde trotzdem gerne später selber daran arbeiten, dass sich das ändert. Im Moment kann man aber schon auf einiges an ziemlich guter Berichterstattung englischer Medien (und ein paar Berichte, die ohne Worte auskommen) zurückgreifen. Hier habe ich darum mal  “Asien in den Medien” dieser Woche zusammengetragen.

China:

Selbst- und Fremdzensur ausländischer Medien
Eine der wichtigsten Nachrichten diese Woche war, dass Paul Mooney, langjähriger Mitarbeiter für Reuters in China, kein neues Journalistenvisum bekommen hat – ohne Angabe von Gründen. Seine kritische Berichterstattung in der Vergangenheit wird dabei wohl eine Rolle gespielt haben. Reuters sagt offiziell erstmal, dass sie “keinen weiteren Druck ausüben wollen”, ob sie es wirklich hinnehmen, wird sich zeigen. Die Maßnahme reiht sich allerdings passgenau in die Politik der Regierung unter Xi Jinping besonders der letzten Zeit ein, die statt wie erhofft durch Reformen, vielmehr durch härtere Maßnahmen gegen Blogger und “Twitterer” gekennzeichnet war.

In eine ähnlich dunkle Richtung zeigt die Entscheidung von Bloomberg, eine investigative Reportage zu Verbindungen zwischen den Familien hochrangiger chinesischer Politiker und “einem der reichsten Männer Chinas” nicht zu veröffentlichen – laut der NYT aus Angst davor, in Zukunft nicht mehr aus China berichten können. Laut der gleichen Quelle hat der Redakteur, der diesen Grund nannten, auch angesagt, dass er sich damit beschäftigen wolle, “wie Medien im Dritten Reich unter den Nazis gearbeitet haben”. Die Bedenken, dass weitere Investigativberichte negative Folgen haben könnten, sind wohl nicht ganz unbegründet, also ist z.B. die New York Times selber, die sich letztes Jahr eingehend mit dem Vermögen des neuen chinesischen Präsidenten beschäftigt hatte, seitdem in China gesperrt.

Bisher wurde zwar noch keine gesamte Zeitung oder Nachrichtenagentur aus dem Land geworfen, Al Jazeera China hat sich allerdings “freiwillig” zurückgezogen, nachdem das Visa ihrer Korrespondentin nicht verlängert wurde – das erste Mal seit 30 Jahren, dass so etwas passierte. Wie James Fallows sehr treffend sagt: “This is not the way a confident, big-time government behaves.” Ganz im Gegenteil.

China holt sich sein Geld aus dem Ausland zurück
Auch andere Dinge passieren in China (oder besser: von China ausgehend), ob die wesentlich besser sind, muss jeder für sich entscheiden: Die Regierung ist im Ausland nun auf einer großangelegten Jagd nach den Früchten inländischer Korruption, die sich in Villen und dicken Konten im Ausland manifestiert und es ihren Besitzern, sich irgendwann in Ruhe abzusetzen. In dem verlinkten Quartz-Artikel geht es auch darum, wie so etwas im Ausland generell funktioniert, interessant finde ich allerdings auch die Implikationen für China selber, da dieses Vorgehen gut zu den harten Maßnahmen gegen Journalisten passt: Die Regierung zeigt Stärke und versucht, für Ordnung zu sorgen.

Generell wird sie mit solchen Maßnahmen allerdings wohl vor allem die “high profile”-Fälle erwischen, ob damit auch etwas gegen die Korruption auf dem alltäglichen Niveau tun kann, ist eine andere Frage. Dort läuft meines Wissens wesentlich weniger direkt über bares Geld, man wagt sich vielmehr in ein eng gesponnenes Netz verschiedener Gefallen, die man sich über die Jahre gibt, und für die man irgendwann eine Gegenleistung erwartet. Das zu quantifizieren und direkt dagegen vorzugehen, dürfte nochmal um Einiges schwerer sein.

Wichtiges Plenum in Beijing, ganz vielleicht mal Reformen (aber eher nicht)
Last but not least: Das wichtigste politische Ereignis der Woche (oder des Halbjahres) in China, das Plenum des Zentralkomitees, findet seit dem 9. November in Beijing statt. Der Economist widmet sich dem Thema in diesem Artikel und gibt eine Übersicht über das Event an sich und erklärt auch, dass hier zwar große Linien, aber noch lange nicht unbedingt konkrete Politik beschlossen werden. Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes in letzter Zeit, die bei Weitem nicht nur positiv ist (dazu an anderer Stelle später mal mehr), wird erwartet/gehofft, dass bei diesem Treffen einige weitgreifende Reformen beschlossen werden. Wie jedes Mal bei solchen Treffen hört man Stimmen die meinen, dass genau dieses Treffen endlich dasjenige sein könnte, auf dem endlich die Liberalisierung des chinesischen Marktes beschlossen wird – in einem Kommentar hieß es dann auch sehr passend: “I believe it when I see it.”

Nordkorea:

100.000 Straflagerinsassen “verschwunden”
Schon etwas älter, aber ich habe es erst im Laufe der letzten Woche mitbekommen: Recht neue Analysen von Satellitenbildern deuten daraufhin, dass in den letzten Jahren (genaue Zeiträume werden nicht genannt) wohl etwa die Hälfte der nordkoreanischen Straflager-Insassen verschwunden ist – 100.000 von 200.000 Menschen. Wobei verschwunden in diesem Fall ein Euphemismus für “gestorben” ist. Generell waren die Ernten auch in Südkorea im letzten Jahr schlecht, sodass Unterernährung eine plausible Erklärung wäre, was die ganze Sache allerdings nicht minder schrecklich macht.

Was wäre, wen Nordkorea heute zusammenbrechen würde?
Dieser Artikel von Sino-NK widmet sich Nord Korea noch von einem akademischen Standpunkt aus – er versucht, die Frage zu beantworten, wie und wohin Nordkoreaner im Fall eines politischen Zusammenbruchs ihres Landes migrieren würden. Wie immer ist die wichtigste Frage: Was täte China? In diesem Fall: Würde es potentielle Flüchtlinge aufnehmen oder lieber versuchen, sie im Land zu halten. Der Professor im Interview argumentiert, dass die Flüchtlingsströme selbst wenn China sich öffnen würde nicht besonders groß sein würden. Um die Plausibilität dieser Aussage einzuschätzen fehlt mir das Wissen, aber ich finde es interessant, nachzulesen, wie er detailliert den Aufbau seines Modells erklärt.

Japan

Und weil das alles viel zu düstere und negative Nachrichten sind, gibt es zur Aufheiterung ein paar Bilder vom japanischen Fotografen Nagano Toyokazu, genauer gesagt: in erster Linie seinen beiden unendlich niedlichen Töchtern.