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Etwas mit erster Liebe (eine Art Ode)

“Je ne dis pas tout ce que je pense, mais je pense ce que je dis.”

“Warst du in ihn verliebt?”, fragt mich Jahre später eine Freundin, irgendwann im November, an der Uni. Draussen regnet es in Strömen, wir haben gerade eine unsäglich schlechte Vorlesung überstanden. Und ich weiß nicht, was ich antworten sollte.

Bisher hatte ich an dich nie im Zusammenhang mit diesem Wort gedacht. Als wir uns kennenlernten, war es noch nicht Teil meines emotionalen Wortschatzes. Du erwischtest mich mitten in meinem Leben, zu jung, um die erste Liebe schon erlebt zu haben.

Ich kannte all die Geschichten. Unsere Umwelt gaukelt uns vor, dieses Gefühl , Liebe, zu kennen – aus Büchern, Filmen, Werbung, von überall her springt es uns an und präsentiert sich in den verschiedensten Formen. Alle sind Teil und Produkt der Wahrnehmung anderer Menschen, aber letztendlich nichts als Übersetzungen eines Gefühls in Worte und Bilder, die ihm niemals gerecht werden könnten. So kommt es, dass, egal, was wir über die Liebe lernen, wir sie trotzdem beim ersten Mal ganz für uns selber lernen und erleben.

Du und ich, wir lernten uns durch Worte kennen.

Die Worte, die wir austauschten, erzählend, fragend, erforschend. Es gibt nur wenige Menschen, mit denen man gut reden kann und sich wirklich etwas zu sagen hat. Wir hatten uns unendlich viel zu sagen, stundenlang – ich erinnere mich  lebhaft an die Nächte in meinem Zimmer, auf dem Boden liegend am Telefon, drei Uhr morgens. Die Fenster waren offen wie immer, ich versuchte, leise zu sprechen, um niemanden aufzuwecken. Auf einmal brichst du mitten im Satz ab, schreist auf, lachst.

“Ich hatte mir an der Heizung die Beine gedehnt, mit dem Rücken auf dem Boden. Jetzt bin ich umgekippt. Und irgendwie habe ich mir den Nacken verdreht. Jetzt komme ich nicht mehr an die Wasserflahaa—-aua!”

Dann waren da die Worte, die wir schrieben, eigentlich jeder für sich – doch dann schicktest du mir deine und ich dir meine, wir lasen, redeten weiter und schrieben noch mehr. Hunderte von Seiten, die ich unter einem Vorwand ausdruckte, um sie mitzunehmen, auf Regatten in der Sonne direkt neben dem Wasser zu lesen, Kommentare an den Rand schreibend.

Wann es passierte, weiß ich nicht. Ob es vor oder nach unserem ersten Treffen war – keine Ahnung. Nur rückblickend weiß ich, dass es irgendwann passiert sein muss.

Vielleicht habe ich so lange nichts gemerkt, weil ich nie nach der Liebe gesucht habe. Ich kenne heute Mädchen, so alt wie ich damals (eigentlich erst vor ein paar Jahren), die sich in Liebesromanen und –filmen verlieren, ihre Tage damit verbringen, über die große Liebe zu reden und sich fragen, wer es wohl sein könnte.

Hätte mir irgendwer gesagt, dass ich verliebt war, ich hätte sie oder ihn ausgelacht – Liebe war das, was den Helden und Heldinnen in Romanen und Filmen passierte, groß und dramatisch, nichts, das sich langsam aus Worten bildete und in mein Herz und meinen Bauch einschlich.

Es war wie Freundschaft, nur irgendwie schöner und näher. Und das obwohl wir uns nur das eine Mal sehen sollten und eigentlich die ganze Zeit verdammt weit voneinander weg waren.

Wir schrieben weiter, tauschten Worte aus, du schriebst deinem Roman auf deinem iPod Touch weiter, ich überlebte ein halbes Jahr ohne Internet, du schriebst mir eine Geburtstagsmail, in der es um zerschmetterte Gitarren ging, die ich mitten in der Nacht auf einem fremden Computer las, ich bekam einen neuen Computer und sicherte als Erstes deine Mails, du schriebst eine Kurzgeschichte, in der es um Spanisch, Kafka und Einsamkeit ging, ich schrieb dir einen frechen, vorlauten Charakter auf den Leib, wir versuchten, unser eigenes Decameron mit Geschichten aus all unseren Universen zu schreiben, und das Forum unseres gemeinsamen Fandoms, in dem wir schreibend Welten, Clans und Abenteuer erschaffen hatten, wurde geschlossen.

Irgendwann wurden die Mails weniger, unregelmäßiger – ich war immer furchtbar schlecht darin, Mails oder Briefe auch nur annähernd angemessen schnell zu beantworten, wir hatten beide ein Leben, das ohne den jeweils anderen stattfand, und dem wir unsere Energie widmen mussten. Die Mails hörten auf – ob von deiner oder von meiner Seite, ich weiß es nicht mehr. Vermutlich antwortete ich irgendwann einfach nicht mehr, vergaß es.

Ich wusste nicht, dass das, was mir passierte, Liebe war. Und ich wusste auch nicht, dass ich wohl nicht die Einzige von uns beiden war, der es passierte.

Nach einer ganzen Weile (es können Monate gewesen sein, vermutlich waren es Jahre) erwischte mich von irgendwoher der verrückte Gedanke, dich auf Facebook zu suchen. Was mich mehr überraschte als meine Suchanfrage, war eigentlich nur, dass sie erfolgreich war.

Wir trafen uns beinahe ein zweites Mal, doch das Leben überrollte mich, ich verliebte mich (mittlerweile das dritte, vierte, vielleicht fünfte Mal) und daraus wurde nichts.

Der Beweis, dass du wieder in meinem Leben bist, kam irgendwann in meinem Studentenwohnheim an – ein DIN-A4-Briefumschlag, voller Worte. Ein handgeschriebenes Deckblatt und dahinter hunderte ausgedruckter Seiten. Es war der Roman, an dem du all die Jahre geschrieben hattest. Endlich war er fertig.

Ich hatte ihn immer wieder gelesen, jedes neue Kapitel, jede überarbeitete Version, verfolgte fasziniert, wie der Hauptcharakter, seine Geschichte und die Welt um ihn herum sich veränderten, wie ich kritisierte und lobte, wie du nie zufrieden warst und immer alles weiter perfektionieren wolltest.

Das Einzige, was der Geschichte zu ihrer Vollendung jetzt noch fehlt, ist, dass ich sie ein letztes Mal lese.

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