Bruchstücke einer Familiengeschichte (in Hong Kong, Deutschland, allerwelts)

“Geschichtliches Zeugnis.
Erste Generation in Lingjiang. Nanxiong, Stadt Lingjiang.

Shu, genannt, Wuzong, war der erste Ahne unseres Clans. Er wurde in Lingjiang (nahe Nanxiong) am Ende der Tang-Dynastie* geboren. Er war ein Tong Shi Lang**.

Er wurde im Fengmutang-Friedhof begraben, wo zehn weitere Generationen begraben liegen.

[…] Diese Geschichte ist wahr, sie ist nur niedergeschrieben, um unsere Nachfahren daran zu erinnern, woher wir kommen.”

(* Tang-Dynastie: 618-907, ** Tong Shi Lang: ein öffentliches Amt)

Als ich mich bei der Vorbereitung für mein Auslandsjahr in China in der Essensschlange mit einem Mädchen unterhielt, stellte sich heraus, dass sie Halbchinesin war und eine Mutter hatte, die vor der Kulturrevolution aus China geflohen war. Ich fand das ziemlich interessant, sie meinte aber nur “Na ja, mein Leben macht das auch nicht spannender.” Natürlich hat sie damit Recht, aber das ändert in meinen Augen letztendlich nichts daran, dass es eine spannende Geschichte ist – die einem dadurch noch näher geht, dass man die Betroffenen kennt.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich selber noch kaum etwas über den Hintergrund der Migration meines Großvaters nach Deutschland. Mittlerweile ist das etwas anders, auch, wenn die Geschichte immer noch viele Lücken hat.

Der Text oben stammt aus einem Familiengrab in Südchina und er stellt den dokumentierten Anfang der Familiengeschichte dar. In diesem Dorf, Lingjiang, liegen neun Generationen der Familie begraben, alle akribisch dokumentiert mit Namen und Beruf der männlichen Familienmitglieder. In der Song-Dynastie (960 bis 1279)  zieht die Familie nach Dongguan, ebenfalls in Südchina. Hier liegen in einem zweiten Familiengrab weitere 26 Generationen begraben, mit Details zu ihren Lebensleistungen in den Grabinschriften. Ein paar Mitglieder der 25. und 26. Generation sind zwar noch in den Inschriften erwähnt, dort steht aber auch, dass sie in Hong Kong begraben sind.

Man stelle sich China im 19. Jahrhundert vor. Diese Familie mit einer nicht unerheblichen Stammlinie verlässt die Südprovinzen Chinas und zieht in die pulsierende Hafenstadt Hong Kong, die in dieser Zeit Hauptort der Auseinandersetzungen zwischen westlichen Mächten und den geschwächten Kaisern der Qing-Dynastie ist. Lange dürfen Ausländer sich nur innerhalb bestimmter Enklaven bewegen und erhalten chinesische Waren einzig gegen Silber oder Gold, da sie dem Reich der Mitte keine eigenen Waren von Interesse zu bieten haben. Doch dann entdecken sie den Wert von Opium als Tauschware und drehen mit einem Mal den Handel zu ihren Gunsten. Die Qing-Kaiser missbilligen dies zutiefst, besonders, da der Opiumhandel eine stetig zunehmende Abhängigkeit ihrer Untertanen zur Folge hat. Militärisch sind sie den Westmächten jedoch weit unterlegen und verlieren so den ersten Opiumkrieg Mitte des Jahrhunderts. Nach der chinesischen Niederlage wird im Jahr 1841 der Handelsknotenpunkt Hong Kong für 156 Jahre an die Briten abgetreten.

Wann genau in dieser Zeit meine Familie nach Hong Kong gezogen ist, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass es passiert ist und dass mein Urgroßvater im beginnenden 20. Jahrhundert ein gemachter Mann war. Aus den Inschriften im Familiengrab geht hervor, dass die meisten Männer der Familie erfolgreiche Teehändler waren und sich durchaus in internationalen Kreisen bewegten. In einen wohlhabenden Haushalt, in dem der Hausherr drei Frauen und zwanzig Kinder hatte, wird in den Dreißigern ein Junge als einer der jüngsten Söhne der dritten Frau geboren. Erzogen wird er vor allem von Kindermädchen, besonders sein Vater ist ihm eher fern und bei den vielen Geschwistern, von denen einige bei seiner Geburt schon erwachsen waren, verliert man als Kind natürlich auch schnell den Überblick. Die Kinder werden im internationalen Umfeld Hong Kongs sehr westlich erzogen – es wird viel Wert auf englische Sprachkenntnisse gelegt und für den Jungen ist es vollkommen normal, regelmäßig aktuelle amerikanische Filme zu gucken.

1941 fällt die Stadt in die Hände der Japaner, die die gesamte Stadt übernehmen und versuchen, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu verändern. Besonders intensiv betreiben sie dies im Bildungssystem, in den Schulen müssen die Kinder Japanisch lernen. Der Junge von vorher entgeht den Jahren der Besatzung jedoch, indem er mit einem Teil seiner Familie aus Hong Kong nach Südchina in die Proving Guangdong flieht. Aus dieser Gegend ist die Familie vor Jahrzehnten nach Hong Kong umgezogen. Mindestens ein Mitglied der Familie, einer meiner Onkel, bleibt in Hong Kong und erlebt die Stadt unter den Besatzern. Darüber habe ich ihn aber nie reden hören.

Man erinnere sich, dass der Junge, von dem wir hier reden, der jüngste oder zweitjüngste Sohn der dritten Frau ist und etwa zwanzig ältere Geschwister hat. In einer Gesellschaft, in dem traditionell die (männlichen) Erstgeborenen immer noch mehr Rechte haben als andere Kinder und sich das systematisch nach Alter fortsetzt, steht er damit in der Familienrangfolge sehr weit unten. Wenn er in Hong Kong bleibt, wird es immer seine älteren, oft bereits erfolgreichen älteren Geschwister geben. Ob das der Grund für seinen Entschluss war, nach Deutschland zu gehen, kann ich nur mutmaßen. Ich weiß aber, dass er sich in den 50er Jahren in ein Flugzeug nach Deutschland setzte, um irgendwo in Mitteldeutschland an einem der ersten Goethe-Institute für ein paar Monate Deutschkurse zu belegen. Nach etwa fünf Monaten schreibt er sich an der Humboldt Universität in Berlin für Medizin ein. Er, der vor einem Jahr noch kein Wort Deutsch sprach. Während des Studiums wird er finanziell von seiner Familie in Hong Kong unterstützt. Einer seiner besten Freunde ist ein anderer Medizinstudent – ein Japaner.

Aus dem Jungen ist mittlerweile ein junger Mann geworden, der während seines Studiums und seiner ersten praktischen Arbeit im Krankenhaus eine der Krankenschwestern näher kennenlernt, sich in sie verliebt und sie letztendlich heiratet. Nach seiner Promotion in den 60er Jahren eröffnen sie in einem kleinen Ort in Norddeutschland eine Praxis und haben zwei Kinder. Jeden Tag ist er von morgens bis mittags in der Praxis. Von 12 bis 15 Uhr macht er Hausbesuche, danach geht es zurück in die Praxis.

1997 wird Hong Kong gemäß des vor eineinhalb Jahrhunderten geschlossenen Vertrages zurück an die Volksrepublik gegeben, die seit 1841 einiges mitgemacht hat. Unter anderem Mao und die Kulturrevolution. Der Großteil der weitläufigen, gebildeten Familie hat zu diesem Zeitpunkt bereits die Stadt verlassen und sich mehrheitlich amerikanische oder kanadische Staatsbürgerschaften besorgt. Wie die meisten Hong Konger stehen sie der Regierung von “Festland China” skeptisch bis ablehnend gegenüber. Auch, wenn die Länder und Kontinente, wohin sie gezogen sind, vielfältig sind, zieht es sie doch immer wieder in die großen Städte der Welt. Wenn manche von ihnen den Doktor in der deutschen Kleinstadt besuchen, fragen sie wiederholt, wie man es in so einem winzigen Ort denn aushalten könne. Man denke doch nur zurück an Hong Kong! Gar kein Vergleich.

Seine beiden Söhne sind mittlerweile zweimal in Hong Kong gewesen, aber nur, um dort Verwandte zu besuchen und mit ihnen zu essen. Einen wirklichen Bezug zur Stadt haben sie nicht, Kantonesisch spricht keiner. Im Kopf ihres Vaters ist nicht er für die Kindererziehung oder die Sprachen, die sie lernen, zuständig, sondern seine Frau. Einen der Söhne packt irgendwann die Abenteuerlust, er lernt etwas Chinesisch und lebt für ein paar Monate in Hong Kong. Letztendlich verliebt er sich aber doch in Spanien.

Der ältere Sohn heiratet ebenfalls und bekommt drei Kinder – das älteste ist eine Tochter. Das bin ich. In der Grundschule versuche ich, meinen Großvater dazu zu bringen, mir Chinesisch beizubringen, aber da ich nicht genau weiß, wo ich hinmöchte, und er keine Idee hat, wie man einer Sechsjährigen eine der angeblich schwierigsten Sprachen der Welt beibringen soll, bleibt es beim Schreiben, dem eigentlich schwersten Teil des Chinesischen. Über Wochen und Monate sammeln sich in einem Papierhefter unzählige in Kinderhand mit chinesischen Zeichen bekritzelte Blätter an, daneben steht in krakeliger Grundschulschrift die Bedeutung. Wenn das Wort auf Deutsch zu schwierig ist, gibt es stattdessen ein Bild. Besonders schwer tue ich mich mit dem Zeichen für “Buddha”, dessen Bedeutung ich partout nicht verstehe, mit dem ich aber nahezu obsessiv eine ganze Seite bekritzele.

Irgendwann verliere ich das Interesse an China und wende mich etwas später dann intensiv Japan zu und will dort auch ein FSJ machen. Als das wegen des Tsunamis und des Unfalls im Atomkraftwerk Fukushima 2011 nicht funktioniert, nehme ich stattdessen eine Stelle in Shanghai an. Und muss so auf einmal doch Chinesisch lernen.

Am Ende des Jahres habe ich drei Monate Sommerferien und verbringe fast zwei Wochen in Hong Kong. Nicht nur mein Großvater, der sich in der mittlerweile veränderten und unendlich schnellen Stadt vorsichtig bewegt, ist dort, sondern auch Tante Ruth und Onkel Sam. Als wir alle zusammen essen gehen, wundern sich die Kellner vermutlich ziemlich. Im Gegensatz zu meinem Großvater, der es lange, lange Zeit nicht mehr benutzt hat, sprechen Ruth und Sam beide noch Mandarin (Hochchinesisch) und ein bisschen davon auch mit mir, um zu sehen, wie viel ich denn gelernt habe. Mit meinem Großvater reden sie mal Kantonesisch, mal Englisch, das beide fließend sprechen, nachdem sie lange in den Staaten gelebt haben. Mit mir spricht mein Großvater immer mal wieder Deutsch. Und Onkel Sam, der lange Japanisch gelernt hat, freut sich, zwischendurch kurz in dieser Sprache mit mir ein paar Worte zu wechseln.

Es gibt noch ein viertes Mitglied unserer Familie, das in Hong Kong weilt, sich aber nicht mit uns zum Essen getroffen hat – eine Schwester meines Großvaters. Mittlerweile geht sie auf die 100 zu, verlässt ihre Wohnung nicht und lässt nur wenige Leute an sich ran. Nachdem ich von Ruth zum ersten Mal Genaueres über unsere Familiengeschichte erfahren habe, frage ich mich, was die Schwester meines Großvaters zu erzählen hätte.

Oder die entfernte Tante in Australien.

Oder die in Vancouver.

Oder die in Paris.

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