Monthly Archives: July 2013

Gedanken über/und Erinnerungen

Linkin Park’s “Castle of Glass” im Shuffle – Ich in einem der größten Record Stores an Shinjukus berühmter Kreuzung, mit Kopfhörern auf dem Ohr, in die neue CD reinhörend. Draußen sind es 30 Grad, am Tag vorher wurde die halbe Stadt von einem Monsun lahmgelegt, jetzt ist der Himmel strahlend blau.

Der Geruch irgendeines Shampoos in einem Kreuzberger Café – ein früherer Freund, das Gefühl, wenn man nach dem Sex in den Armen des anderen liegt und Gerüche intensiver als sonst wahrnimmt.

Die Brücke vor dem Hauptbahnhof in Berlin – das surreale Déjà-Vu-Gefühl, als ich nach einem Jahr in China auf einmal wieder in Deutschland bin und alles um mich herum eine mir verständliche Sprache spricht.

Über die letzten zwei Jahre habe ich unheimlich viel erlebt und viele, viele Erinnerungen gesammelt, manche schön, manche unangenehm, aber alle irgendwie wichtig und prägend. Und immer wieder gibt es kleine Details in meinem jetzigen Leben – hier in Berlin, in Frankreich, zuhause, auf Reisen – die mich schlagartig zurückversetzen und Momente wieder zum Leben erwecken, an die ich mich eigentlich nur noch als abstrakte Geschehnisse erinnere. In diesem Moment ist die Erinnerung dann auf einmal wieder so lebendig, dass ich die Szenerie vor mir sehe und alles, was ich um mich herum sah und roch, ein zweites Mal durchlebe.

Vielleicht ist das ein Zeichen, dass ich älter werde. Nicht alt, einfach nur älter. Alt genug, um klare Erinnerungen an Jahre alte Ereignisse zu haben, die irgendwo in meinem Gedächtnis schlummern und durch winzige Trigger wieder hervorkommen. Ich finde das ganz wunderbar.

So gehe ich gerade nicht nur durch ein unglaublich tolles Leben, in dem ich immer neue Menschen, Orte und Ideen kennenlerne, es ist gleichzeitig auch immer etwas Erinnern dabei. Während neue Erinnerungen entstehen, bin ich auf einer Entdeckungstour durch die Vergangenheit meiner eigenen Gefühlen und Eindrücken. Und täglich kommen neue dazu.

Das Merkwürdige daran ist auch, dass ich jetzt viele recht frische Erinnerungen habe, die durch solche Flashback mit anderen, älteren Momenten verbunden sind. Und wenn ich an diese neuen Momente zurückdenke, sind die alten Gefühle dann auch wieder dabei. Es ist, als ob ich dabei zuschauen würde, wie meine Erinnerungen sich alle Schicht für Schicht ineinander verweben. Dabei entsteht dann das, woran ich mich an jedem Punkt meines Lebens zurückerinnern werde.

Das Neue ist, dass es kein linearer Prozess ist, sondern vielmehr ein unendliches Chaos verschiedener Stränge, die sich alle aufeinander beziehen und Gefühle, Gerüche, Geräusche und Anblicke zu einem schwer fassbaren Ganzen mischen. Das hätte ich nicht erwartet. Aber ich freue mich über jede schöne Überraschung, die das Leben bereithält.

“Chérie, il faut qu’on parle.” Ein Beziehungs- und Liebesbrief.

Liebes Frankreich,

jetzt, so nach zwei Monaten Trennung, sollten wir wirklich einmal über unsere Beziehung reden. Ich dachte, dich für den Sommer zu verlassen, würde mir helfen, etwas Abstand zu gewinnen – irgendwie wurdest du mir zu viel.

Ich habe mich bisher nie als jemand gesehen, der dich besonders mag. Du hast ja viele Liebhaber, die dich aus ganz verschiedenen Gründen mögen: Dein Wein, dein Käse, deine Landschaften, deine Sprache, deine Bewohner… Ich mochte dich zwar, solange wir noch zusammen waren, aber das lag vor allem an den Menschen, die ich um mich herum hatte. Irgendwie habe ich das nie wirklich mit dir assoziiert – warum auch, ich war auf einem internationalen Campus, auf dem man vor allem Englisch sprach. Natürlich hatte ich Berührungspunkte mit dir, dem “echten” Frankreich – ganz klischeehaft beim Croissantkaufen oder Weintrinken, aber auch beim Taekwondotraining und auf dem Markt, wo die Händler aus Marokko kommen. Aber irgendwie hatten wir doch immer unser eigenes Universum an der Uni. Und dieses Universum war mir etwas zu viel geworden und ich dachte, das läge an dir.

Und ganz ehrlich, du kannst einem auch echt auf die Nerven gehen – deine Bürokratie trieb mich mehr als einmal in den Wahnsinn, allein die Behördenöffnungszeiten sind echt verrückt. Dann ist da auch noch Paris, deine vielseits geliebte Hauptstadt, die ich zwar irgendwie okay finde, aber vor allem, wegen der asiatischen Süßigkeiten, die ich dort bekomme. Abgesehen davon ist deine Perle ziemlich dreckig, mit einer nervigen Metro, verspäteten, überfüllten RERs und oft unfreundlichen Menschen.

Bis letzten Dienstag dachte ich, dass das meine Gefühle dir gegenüber ziemlich gut zusammenfasst.

Dann bin ich mit einem Franzosen ins Gespräch gekommen – auf Französisch, versteht sich. Ich habe mich zwar auf Couchsurfingtreffen immer wieder mit Franzosen unterhalten, aber dieses Mal war anders. Es hat mir bewusst gemacht, dass man einfach nicht in einem Land leben kann, ohne zumindest eine gewisse Bindung zu ihm zu entwickeln.

Eigentlich war das Gespräch ganz harmlos – es ging um Politik in Frankreich und in Deutschland, warum wir beide alle Parteien für unwählbar halten und warum er glaubt und hofft, dass das französische Parteiensystem demnächst implodiert, Frankreich und seine “mariage gay” und dem Versuch, zu verstehen, wie es sich anfühlt, seine Sexualität zu unterdrücken, Frankreich, seine Eliten und deren Kinder, die noch nie wirklich gearbeitet haben. Und wie er sein erstes Studienjahr von einer Unbekannten in der Schlange hinter sich bezahlt bekam.

Erst zuhause merkte ich dann, wie gut mir das Gespräch getan hatte. Es geht gar nicht einmal so sehr um die Themen, über die wir geredet haben (auch, wenn mir einige davon sehr am Herzen lagen). Es waren vielmehr der Moment und die (wenn auch geringe) Kenntnis über dich, die wir teilten. Die Möglichkeit, über Dinge zu reden, die du, Frankreich, mir irgendwie mitgegeben hast. Erfahrungen, Einstellungen und viele, viele Einsichten in deine Funktionsweise, deine Gesellschaft, die ich immer noch nicht verstehe, aber die mich irgendwie berührt.

Auch, wenn ich nicht die Begeisterung anderer Leute für dich hege, konnte ich nicht umhin von dir berührt zu werden. In jedem Land, in dem man lebt, macht man Erfahrungen, seien sie nun positiv oder negativ. Und so wird dieses Land schleichend zu einem Teil des eigenen Lebens und der eigenen Erinnerung, die das weitere Leben mitbestimmten. Die Grenze zwischen in einem Land leben oder dort reisen sind fliessend. Doch für mich ist diese bestimmte Art von Erinnerung, dieses leicht nostalgische Zurückdenken und ein bisschen -sehnen, ein Zeichen, dass es Leben und nicht Reisen war.

Irgendwie bist du in diesen Monaten ein Teil von mir geworden, den ich nicht mehr loswerde. Ein Teil, an den man sich zurückerinnert und darüber lächelt, wie über eine Schwester, mit der man sich immer gestritten hat, die man aber trotzdem nicht missen wollen würde. Ein Gefühl, das manchmal einfach hochkommt, wenn ich über dich rede oder an dich erinnert werde.

Aber Frankreich, das heißt nicht, dass ich jetzt für immer mit dir zusammenziehen möchte! Ich denke, wir könnten im August nochmal zusammen kommen und schauen, wie es läuft, aber auf absehbare Zeit werde ich wieder die Nase voll von dir haben und dich erneut verlassen.

Und auch, wenn ich dann bei einem anderen bin, vielleicht England oder Taiwan, wissen wir doch beide, dass da immer diese kleine Sehnsucht nach dir bleibt und dass du dich in einen Teil von mir tief eingeprägt hast, sodass ich dich niemals vergessen werde. Selbst, wenn ich mich nicht mehr konkret an dich erinnern sollte: Denk dran, dass du mir einen Teil meines Lebens mitgegeben und die Art, wie ich denke und fühle, beeinflusst hast.

Ich verließ dich, suchte Abstand und fand eine ungekannte Nähe. Auch, wenn es nicht immer leicht war, sage ich schon mal: Danke für die Zeit, dir wir miteinander hatten. Und noch haben werden.

Viele Grüße aus Berlin,

Katharin

Lieblings-China-Links – eine Auswahl.

Obwohl ich nicht mehr in China lebe, verfolge ich immer noch, was dort gerade so vor sich geht. Ein paar interessante Links habe ich hier mal zusammengetragen:

Chinas ungeschriebene Regeln in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind tatsächlich vielen Ausländern (auch solchen, die selber in China leben) ein absolutes Rätsel. Wenn man das alles ein bisschen besser versteht, ergeben auch Streitereien oder Maßnahmen der Führungsriege (manchmal) etwas mehr Sinn. Reuters hat einen anderen Ansatz gewählt und stellt mit Connected China den Versuch vor, die chinesischen Führunsgeliten in ihren Beziehungen zu- und untereinander graphisch aufzuarbeiten. Auch, wenn die Namen einem nicht viel sagen werden, ist es interessant, sich einfach mal durchzuklicken.

Eine Fundgrube an Chinabeiträgen bietet übrigens die Tea Leaf Nation, kürzlich fiel mir My Experience of Being Black in China auf. Der Text berührt die Problematik nur recht oberflächlich. Der Autor sieht die Entwicklung in letzter Zeit ja eher positiv, dabei sollte man aber nicht vergessen, dass der ganze Komplex auch heute definitiv noch ein Problem in China ist.

Neben der Tea Leaf Nation gibt es natürlich auch noch China Smack (danke an Jojo für den Tipp!), das die großen Internetdiskussionen Chinas auf Englisch vorstellt. Dazu gibt es allerdings praktischerweise auch immer chinesische Originaltexte (beim Drübergehen mit der Maus), sodass man nebenher mal wieder etwas Chinesisch üben kann. In letzter Zeit ist zum Beispiel ein Verwaltigungsprozess das große Thema, bei dem sich zuletzt ein Juraprofessor zu der Aussage hinreißen ließ, es sei ja nicht so schlimm, wenn “bar girls” vergewaltigt werden. So ganz objektiv natürlich, verglichen mit guten Mädchen. Einmal Shitstorm, bitte. Ein anderer Text beschäftigt sich mit einem Projekt zu chinesischen Dialekten, das von zwei Amerikanern betrieben wird und einen kleinen Einblick in die Vielfalt chinesischer Dialekte gewährt.

Ich hab ja nie selber als Expat in Beijing gelebt und das dortige Ausländerleben nur am Rande mitbekommen, aber manche Dinge in Beijing State of Mind kann ich doch lachend bestätigen. Andere erschließen sich vielleicht nur denen, die dort gelebt haben, aber einen kreativen Eindruck bietet das Lied doch. Besonders überrascht war ich, dass die Hukou-Problematik aufgegriffen wurde. Da merkt man, dass die Schreiber sich auch durchaus mit den Leuten dort und ihren Problemen beschäftigen, was mich immer wieder freut.

Und zum Schluss noch ein Funlink, der nichts mit China zu tun hat, den ich aber gerne loswerden wollte: In Japan hat die konservative Regierungspartei eine Propagandaversion von Doodlejump namens “Abe Pyon” veröffentlicht, bei dem man die ganze Zeit das Gesicht des Premiers Abe anstatt des kleinen, grünen Rüsseltiers sieht. Nun ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, wann wir Merkel auf unseren Smartphones von Plattformen in die Luft katapultieren lassen können…

Bruchstücke einer Familiengeschichte (in Hong Kong, Deutschland, allerwelts)

“Geschichtliches Zeugnis.
Erste Generation in Lingjiang. Nanxiong, Stadt Lingjiang.

Shu, genannt, Wuzong, war der erste Ahne unseres Clans. Er wurde in Lingjiang (nahe Nanxiong) am Ende der Tang-Dynastie* geboren. Er war ein Tong Shi Lang**.

Er wurde im Fengmutang-Friedhof begraben, wo zehn weitere Generationen begraben liegen.

[…] Diese Geschichte ist wahr, sie ist nur niedergeschrieben, um unsere Nachfahren daran zu erinnern, woher wir kommen.”

(* Tang-Dynastie: 618-907, ** Tong Shi Lang: ein öffentliches Amt)

Als ich mich bei der Vorbereitung für mein Auslandsjahr in China in der Essensschlange mit einem Mädchen unterhielt, stellte sich heraus, dass sie Halbchinesin war und eine Mutter hatte, die vor der Kulturrevolution aus China geflohen war. Ich fand das ziemlich interessant, sie meinte aber nur “Na ja, mein Leben macht das auch nicht spannender.” Natürlich hat sie damit Recht, aber das ändert in meinen Augen letztendlich nichts daran, dass es eine spannende Geschichte ist – die einem dadurch noch näher geht, dass man die Betroffenen kennt.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich selber noch kaum etwas über den Hintergrund der Migration meines Großvaters nach Deutschland. Mittlerweile ist das etwas anders, auch, wenn die Geschichte immer noch viele Lücken hat.

Der Text oben stammt aus einem Familiengrab in Südchina und er stellt den dokumentierten Anfang der Familiengeschichte dar. In diesem Dorf, Lingjiang, liegen neun Generationen der Familie begraben, alle akribisch dokumentiert mit Namen und Beruf der männlichen Familienmitglieder. In der Song-Dynastie (960 bis 1279)  zieht die Familie nach Dongguan, ebenfalls in Südchina. Hier liegen in einem zweiten Familiengrab weitere 26 Generationen begraben, mit Details zu ihren Lebensleistungen in den Grabinschriften. Ein paar Mitglieder der 25. und 26. Generation sind zwar noch in den Inschriften erwähnt, dort steht aber auch, dass sie in Hong Kong begraben sind.

Man stelle sich China im 19. Jahrhundert vor. Diese Familie mit einer nicht unerheblichen Stammlinie verlässt die Südprovinzen Chinas und zieht in die pulsierende Hafenstadt Hong Kong, die in dieser Zeit Hauptort der Auseinandersetzungen zwischen westlichen Mächten und den geschwächten Kaisern der Qing-Dynastie ist. Lange dürfen Ausländer sich nur innerhalb bestimmter Enklaven bewegen und erhalten chinesische Waren einzig gegen Silber oder Gold, da sie dem Reich der Mitte keine eigenen Waren von Interesse zu bieten haben. Doch dann entdecken sie den Wert von Opium als Tauschware und drehen mit einem Mal den Handel zu ihren Gunsten. Die Qing-Kaiser missbilligen dies zutiefst, besonders, da der Opiumhandel eine stetig zunehmende Abhängigkeit ihrer Untertanen zur Folge hat. Militärisch sind sie den Westmächten jedoch weit unterlegen und verlieren so den ersten Opiumkrieg Mitte des Jahrhunderts. Nach der chinesischen Niederlage wird im Jahr 1841 der Handelsknotenpunkt Hong Kong für 156 Jahre an die Briten abgetreten.

Wann genau in dieser Zeit meine Familie nach Hong Kong gezogen ist, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass es passiert ist und dass mein Urgroßvater im beginnenden 20. Jahrhundert ein gemachter Mann war. Aus den Inschriften im Familiengrab geht hervor, dass die meisten Männer der Familie erfolgreiche Teehändler waren und sich durchaus in internationalen Kreisen bewegten. In einen wohlhabenden Haushalt, in dem der Hausherr drei Frauen und zwanzig Kinder hatte, wird in den Dreißigern ein Junge als einer der jüngsten Söhne der dritten Frau geboren. Erzogen wird er vor allem von Kindermädchen, besonders sein Vater ist ihm eher fern und bei den vielen Geschwistern, von denen einige bei seiner Geburt schon erwachsen waren, verliert man als Kind natürlich auch schnell den Überblick. Die Kinder werden im internationalen Umfeld Hong Kongs sehr westlich erzogen – es wird viel Wert auf englische Sprachkenntnisse gelegt und für den Jungen ist es vollkommen normal, regelmäßig aktuelle amerikanische Filme zu gucken.

1941 fällt die Stadt in die Hände der Japaner, die die gesamte Stadt übernehmen und versuchen, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu verändern. Besonders intensiv betreiben sie dies im Bildungssystem, in den Schulen müssen die Kinder Japanisch lernen. Der Junge von vorher entgeht den Jahren der Besatzung jedoch, indem er mit einem Teil seiner Familie aus Hong Kong nach Südchina in die Proving Guangdong flieht. Aus dieser Gegend ist die Familie vor Jahrzehnten nach Hong Kong umgezogen. Mindestens ein Mitglied der Familie, einer meiner Onkel, bleibt in Hong Kong und erlebt die Stadt unter den Besatzern. Darüber habe ich ihn aber nie reden hören.

Man erinnere sich, dass der Junge, von dem wir hier reden, der jüngste oder zweitjüngste Sohn der dritten Frau ist und etwa zwanzig ältere Geschwister hat. In einer Gesellschaft, in dem traditionell die (männlichen) Erstgeborenen immer noch mehr Rechte haben als andere Kinder und sich das systematisch nach Alter fortsetzt, steht er damit in der Familienrangfolge sehr weit unten. Wenn er in Hong Kong bleibt, wird es immer seine älteren, oft bereits erfolgreichen älteren Geschwister geben. Ob das der Grund für seinen Entschluss war, nach Deutschland zu gehen, kann ich nur mutmaßen. Ich weiß aber, dass er sich in den 50er Jahren in ein Flugzeug nach Deutschland setzte, um irgendwo in Mitteldeutschland an einem der ersten Goethe-Institute für ein paar Monate Deutschkurse zu belegen. Nach etwa fünf Monaten schreibt er sich an der Humboldt Universität in Berlin für Medizin ein. Er, der vor einem Jahr noch kein Wort Deutsch sprach. Während des Studiums wird er finanziell von seiner Familie in Hong Kong unterstützt. Einer seiner besten Freunde ist ein anderer Medizinstudent – ein Japaner.

Aus dem Jungen ist mittlerweile ein junger Mann geworden, der während seines Studiums und seiner ersten praktischen Arbeit im Krankenhaus eine der Krankenschwestern näher kennenlernt, sich in sie verliebt und sie letztendlich heiratet. Nach seiner Promotion in den 60er Jahren eröffnen sie in einem kleinen Ort in Norddeutschland eine Praxis und haben zwei Kinder. Jeden Tag ist er von morgens bis mittags in der Praxis. Von 12 bis 15 Uhr macht er Hausbesuche, danach geht es zurück in die Praxis.

1997 wird Hong Kong gemäß des vor eineinhalb Jahrhunderten geschlossenen Vertrages zurück an die Volksrepublik gegeben, die seit 1841 einiges mitgemacht hat. Unter anderem Mao und die Kulturrevolution. Der Großteil der weitläufigen, gebildeten Familie hat zu diesem Zeitpunkt bereits die Stadt verlassen und sich mehrheitlich amerikanische oder kanadische Staatsbürgerschaften besorgt. Wie die meisten Hong Konger stehen sie der Regierung von “Festland China” skeptisch bis ablehnend gegenüber. Auch, wenn die Länder und Kontinente, wohin sie gezogen sind, vielfältig sind, zieht es sie doch immer wieder in die großen Städte der Welt. Wenn manche von ihnen den Doktor in der deutschen Kleinstadt besuchen, fragen sie wiederholt, wie man es in so einem winzigen Ort denn aushalten könne. Man denke doch nur zurück an Hong Kong! Gar kein Vergleich.

Seine beiden Söhne sind mittlerweile zweimal in Hong Kong gewesen, aber nur, um dort Verwandte zu besuchen und mit ihnen zu essen. Einen wirklichen Bezug zur Stadt haben sie nicht, Kantonesisch spricht keiner. Im Kopf ihres Vaters ist nicht er für die Kindererziehung oder die Sprachen, die sie lernen, zuständig, sondern seine Frau. Einen der Söhne packt irgendwann die Abenteuerlust, er lernt etwas Chinesisch und lebt für ein paar Monate in Hong Kong. Letztendlich verliebt er sich aber doch in Spanien.

Der ältere Sohn heiratet ebenfalls und bekommt drei Kinder – das älteste ist eine Tochter. Das bin ich. In der Grundschule versuche ich, meinen Großvater dazu zu bringen, mir Chinesisch beizubringen, aber da ich nicht genau weiß, wo ich hinmöchte, und er keine Idee hat, wie man einer Sechsjährigen eine der angeblich schwierigsten Sprachen der Welt beibringen soll, bleibt es beim Schreiben, dem eigentlich schwersten Teil des Chinesischen. Über Wochen und Monate sammeln sich in einem Papierhefter unzählige in Kinderhand mit chinesischen Zeichen bekritzelte Blätter an, daneben steht in krakeliger Grundschulschrift die Bedeutung. Wenn das Wort auf Deutsch zu schwierig ist, gibt es stattdessen ein Bild. Besonders schwer tue ich mich mit dem Zeichen für “Buddha”, dessen Bedeutung ich partout nicht verstehe, mit dem ich aber nahezu obsessiv eine ganze Seite bekritzele.

Irgendwann verliere ich das Interesse an China und wende mich etwas später dann intensiv Japan zu und will dort auch ein FSJ machen. Als das wegen des Tsunamis und des Unfalls im Atomkraftwerk Fukushima 2011 nicht funktioniert, nehme ich stattdessen eine Stelle in Shanghai an. Und muss so auf einmal doch Chinesisch lernen.

Am Ende des Jahres habe ich drei Monate Sommerferien und verbringe fast zwei Wochen in Hong Kong. Nicht nur mein Großvater, der sich in der mittlerweile veränderten und unendlich schnellen Stadt vorsichtig bewegt, ist dort, sondern auch Tante Ruth und Onkel Sam. Als wir alle zusammen essen gehen, wundern sich die Kellner vermutlich ziemlich. Im Gegensatz zu meinem Großvater, der es lange, lange Zeit nicht mehr benutzt hat, sprechen Ruth und Sam beide noch Mandarin (Hochchinesisch) und ein bisschen davon auch mit mir, um zu sehen, wie viel ich denn gelernt habe. Mit meinem Großvater reden sie mal Kantonesisch, mal Englisch, das beide fließend sprechen, nachdem sie lange in den Staaten gelebt haben. Mit mir spricht mein Großvater immer mal wieder Deutsch. Und Onkel Sam, der lange Japanisch gelernt hat, freut sich, zwischendurch kurz in dieser Sprache mit mir ein paar Worte zu wechseln.

Es gibt noch ein viertes Mitglied unserer Familie, das in Hong Kong weilt, sich aber nicht mit uns zum Essen getroffen hat – eine Schwester meines Großvaters. Mittlerweile geht sie auf die 100 zu, verlässt ihre Wohnung nicht und lässt nur wenige Leute an sich ran. Nachdem ich von Ruth zum ersten Mal Genaueres über unsere Familiengeschichte erfahren habe, frage ich mich, was die Schwester meines Großvaters zu erzählen hätte.

Oder die entfernte Tante in Australien.

Oder die in Vancouver.

Oder die in Paris.

Augen, Ohren und Kopf auf: Was ich sah und hörte (Links)

Videofundus:

“Hur känns det?” (“Wie fühlt sich das an?”)

Leute reden (auf Schwedisch) darüber, wie es sich anfühlt, wenn man auf der Straße ganz offen mit Anfeindungen (vor allem rassistischer Natur) konfrontiert wird – und das tagtäglich. Gibt es leider nicht mit Untertiteln, die könnte das aber vermutlich auch nicht rüberbringen.

MIDI – Rockfestival auf Chinesisch

Auch nicht auf Deutsch, sondern auf Chinesisch und Englisch, was aber eigentlich auch nicht wichtig ist. Wichtig ist, dass man sich einen klitzekleinen Eindruck vom größten Rockfestival Chinas verschaffen kann, dass ursprünglich jährlich in Beijing stattfand und jetzt auch Ableger in verschiedenen anderen Städten hat. Ich war letztes Jahr bei der Shanghaier Version und kann bestätigen, dass es sich sehr lohnt und die Atmosphäre absolut klasse ist. In dem Video meint auch einer der Musiker: “Es ist wie eine Art Klassentreffen für die Bands.”

“Von Anfang an Elite” (WDR-Doku)

Der WDR hat sich (schon vor einer Weile) mal mit dem Bildunsgweg der Elite beschäftigt – oder zumindest ein paar Einrichtungen und Familien, die sich gerne als Teil dessen sehen würden. Konkret schauen sie sich englischsprachige Kindergärten, Schloss Salem und die European Business School (EBS) an. Natürlich ist das jetzt nur eine Fernsehsendung und es ist gut möglich, dass seitens der Redakteure schon Vorurteile bestanden. Trotzdem sind die Aussagen der Schüler und Studenten ja echt (soweit ich das beurteilen kann) und das ist manchmal echt krass. Beim teuren Schloss Salem meint zum Beispiel ein Schüler, “Hartz IV-Empfänger kommen hier natürlich nicht hier hin, die sind ja auch vom Bildungsniveau her sehr weit hiervon entfernt.” Na denn. Dazu muss man wissen, das Noten für die Aufnahme wenig entscheidend sind, viel wichtiger ist, dass man zahlen kann… (und der Teil über die EBS macht richtig Lust, die mal zu trollen!)

Jacob Appelbaum et al. beim Netzpolitischen Abend in der cbase

Zugegeben, mittlerweile haben es vermutlich die meisten gesehen und die ganze NSA-Sache hängt den meisten sowieso zum Halse heraus, hier gibt es aber noch einmal einen sehr lohnenswerten Talk des amerikanischen Hackers und Aktivisten Jacob Appelbaum, der selber schon einige gruselige Erfahrungen mit der Überwachung in seinem Heimatland gemacht hat.

Auf die Ohren:

DJ Tasmo: For Fusion with Love

Ich war ja vorletztes Wochenende auf der Fusion und fand es ganz wunderbar. Da konnte ich auch Tasmo mal auflegen hören und fand es richtig klasse – leider konnte ich nicht die ganze Zeit an der Dubstation bleiben, aber glücklicherweise hat er das Set aufgenommen und auf Soundcloud hochgeladen. Wenn ich gerade langweilige Dinge zu erledigen habe und dazu gerne etwas gute Musik hätte, schmeiße ich den Mix gerne mal als Schleife an.

Core in China

Wer noch ein bisschen über chinesische Musikkultur lernen möchte und auch vor den härteren Varianten derselben nicht zurückschreckt, der kann sich mal durch diese Compilation hören, die es umsonst bei Bandcamp gibt. Es sind ein paar nette Sachen dabei, mein Geschmack wir aber eher nicht so getroffen. Vielleicht haben ja andere Hörer mehr Glück. Wer es etwas weniger heftig mag, kann über Youtube und die offizielle Douban-Seite mal etwas bei 木玛&Third Party reinhören – beim Midi in Shanghai habe ich sie live gesehen und war echt beeindruckt, aus der Konserve sind sie allerdings nicht ganz so gut.

(Abgesehen davon habe ich auch einige tolle Vorträge und Gespräche auf der Sigint 2013 letztes Wochenende in Köln gehört, aber meines Wissens gibt es weder das eine noch das andere online – also bleibt nur, selber hinzugehen.)

Wofür die Fusion gut ist. Oder: Was ich im Juniplatzregen lernte

“Willst du ‘nen Schluck?”
“Was ist das jetzt?”
“Das ist ausnahmsweise nur Wasser.”

Wofür die Fusion gut ist
– erste Male von allem Möglichen (und Unmöglichem)
– nackt baden und dann warme Apfelkrapfen essen
– Tage ohne Schlaf
– aus sechs Stunden bezahlter Arbeit psychedelischer rausgehen als man reingekommen ist
– Kuscheln im Zelt
– Zivilisationsexperimente
– Dosenravioli, Röstzwiebelfleisch, Dosentomatensuppe, 5 Stunden-Terrine
– ein Wochenende keine Sorgen machen müssen, ob im Essen Fleisch drin ist
– öffentliches Duschen
– Stunden auf dem Trancefloor
– funktionierende Gaskocher
– Doc Martens einlaufen/-tanzen
– immer einen Beat im Ohr
– zum ersten Mal im Leben Hip Hop gut finden
– Farbe im Gesicht (überhaupt Farbe überall am Körper)
– Pflaumenwein
– neue Bekanntschaften
– am Feuer sitzen
– ganz viel mit geschlossenen Augen tanzen
– Brennesselstiche
– einen ganzen Blogeintrag schreiben, ohne das D-Wort zu benutzen
– singende, feuerspuckende Roboter
– nass werden
– immer jemanden sehen, der noch breiter ist
– musikalische Offenbarungen

Wofür sie schlecht ist
– Schlaf
– nüchtern bleiben
– nicht-funktionierende Gaskocher
– saubere, nagelneue Klamotten
– angenehmen Körpergeruch
– ohne Nasezuhalten auf die Toilette warten
– seine Ruhe haben
– trocken bleiben
– Langeweile
– warm duschen