„It’s because of the way they look at me“ – Vom Ausländer- und Inländersein

Ich habe hier in Frankreich einen ganz tollen Nachbarn. Er ist ein bisschen von beidem, Koreaner und Amerikaner, außerdem ein sehr nachdenklicher Mensch, der sich viele Gedanken macht und gerne koreanische Fernsehsendungen schaut oder deutsche Grammatik paukt, wenn er eigentlich für wichtige Klausuren lernen sollte. Manchmal läd er auch Menschen zu sich ein und ärgert sich dann, wenn wir wieder neue Weinflecken auf seinem Laken hinterlassen. Und manchmal betrinken wir uns, gehen feiern und sitzen dann nach dem Heimkommen noch zu zweit alkoholisiert in s/meinem Zimmer, essen Curry und reden mehrere Stunden über Gott und die Welt und ob sie sich beide drehen. Ein absoluter Lieblingsnachbar.

Vor einer Weile hat unser Juraprofessor ihn „den Gelben“ genannt. Um ihn von „dem Komischen“ zu unterscheiden, der auch Koreaner ist. Hallo, geht’s noch?

Mein Lieblingsnachbar war noch empörter. Wenn er gerade amerikanisch denkt, sagt er, dass wir Europäer sehr liberal seien. Unser Juraprofessor ist aber Amerikaner und deswegen war er besonders entsetzt.

(Besonders, wegen des Kontextes, denn die Bezeichnung “gelb” für Asiaten in Amerika hat – da denkt man dann an den Vietnamkrieg, die “gelbe Gefahr” und “gelbes Fieber”, Ideen, bei denen ich mich wirklich schütteln muss.)

„Weißt du, Amerika ist nun einmal ein Einwanderungsland. Eigentlich sind wir (= Amerikaner) da sensibler – zumindest sensibler als die Europäer. Und dann ist er auch noch Anwalt, der sich auf Menschenrechte spezialisiert hat.“

Wie er denn darauf käme, dass wir Europäer nicht so „sensibel“ bei so etwas seien.

„Davon ausgehend, wie ich hier behandelt werde. Wie Leute mich ansehen. Und dass sie mich ansehen.“

Ich musste an mein Jahr in China denken, wo ich mich daran gewöhnt hatte, dass Leute mich anstarren und Fotos von uns machen wollten (besonders von meiner blonden Freundin). Ich habe mich oft gefragt und frage mich immer noch, ob es sich so anfühlt, wenn man in Deutschland Ausländer ist.

„Die Frau von meinem Geschichtslehrer in den USA war auch Koreanerin. Er ist Deutscher. Ich habe mich mal mit ihr über ihre Zeit in Deutchland unterhalten und sie meinte, dass es in den USA viel natürlicher sei, Asiatin zu sein. In Deutschland hätte die Leute sie immer irgendwie anders behandelt. Sie war ja Asiatin, nicht schwarz oder so.

Moment, sage ich. Aus meinem Bauchgefühl heraus würde ich sagen, dass Asiaten „normaler“ sind als Schwarze. Für mich ist Frankreich ungewohnt, mit seinem Straßenbild, in dem Einwanderer aus afrikanischen Ländern vollkommen normal sind. Es ist nicht so, dass es mich stört oder so. Es ist einfach anders. Aber asiatisch-aussehende Menschen in meine Umfeld in Deutschland waren völlig normal.

Ich gebe auch zu bedenken, dass die größte Minderheit wohl immer noch türkische Einwanderer sind. Und mein Nachbar fragt, ob sie denn immer noch eine Minderheit seien.

Ab wann ist man denn keine Minderheit mehr?

Wir googlen aus Interesse Statistiken zu ethnischen Minderheiten in Deutschland und finden heraus, dass es doppelt so viele Ost-Asiaten (also China, Japan, Korea, Taiwan etc.) gibt wie „afrikanische Einwanderer/Deutsche afrikanischer Abstammung“ (die einen sind 1% der Bevölkerung, die anderen 2%). Aha.

Wann ist man wohl „afrikanischer Abstammung“? Und wann dann deutscher Abstammung?

Ich habe mich mal bei der Konrad-Adenauer-Stiftung beworben und wurde beim Ausfüllen des Personalbogens gefragt, ob ich einen Migrationshintergrund hätte. Ja oder nein. Dahinter stand, etwas kleiner, in Klammern: „Ein Migrationshintergrund besteht, wenn die Bewerberin/der Bewerber selbst oder Eltern oder Großeltern(teile) im Ausland geboren sind, unabhängig von der jetzigen Staatsangehörigkeit der Bewerberin/des Bewerbers.“

Mein Großvater ist in Hong Kong geboren und erst vor der japanischen Invasion nach China und dann vor seinen 18 älteren Geschwistern nach Deutschland geflohen (bei Letzterem ging es zum Glück nicht um sein Leben), um hier Deutsch zu lernen und Medizin zu studieren. Er hat eine Deutsche geheiratet und zwei Kinder, die beide kein Wort Chinesisch (hier: Kantonesisch) sprechen. Ich bin seine Enkelin und in Deutschland aufgewachsen, ich habe mich nie als etwas Anderes als als Deutsche wahrgenommen – auch, wenn niemand meinen Nachnamen auf Anhieb richtig schreibt.

In den Statistiken der KAS bin ich jemand „mit Migrationshintergrund“, weil ich entweder das eine oder das andere sein muss. Und weil für die Statistik eine Grenze gezogen wird.

Zumindest bin ich nur in der Statistik “anders” – ein Freund von mir hat chinesische Eltern und wird manchmal gefragt, ob er Deutsch spricht. Und meinem Nachbarn rufen die Kinder hier in Frankreich “Der Chinese! Der Chinese” hinterher. Und dann nennt ihn unser Professor “den Gelben”.

Je mehr ich mit Leuten rede, desto mehr wird mir bewusst, wie sehr kleine, unbeachtete Handlungen unsererseits andere Menschen beeinflussen und besonders auch verletzen können.

Das Problem ist, dass ein großer Teil davon unbewusst passiert – z.B. wie wir jemanden anschauen, den wir unwillkürlich als Ausländer einstufen.

Während ich mit Freunden für die Frühlingsferien in Istanbul war, habe ich eine für mich persönlich wichtige Erfahrung in diesem Zusammenhang gemacht: Ich gehe als Türkin durch. Ohne Kontext mag das belanglos wirken, aber für mich war es überraschend und es fühlte sich gut an. Ich war mit mehreren chinesischen und einer blonden deutschen Freundin unterwegs, die alle sehr offensichtlich Ausländer waren. So kam es mehrmals vor, dass ich als Teil der Gruppe (aber auch, wenn ich alleine war) auf Türkisch angesprochen wurde, weil die Leute unwillkürlich annahmen, dass ich sie verstehen würde.

Für mich fühlte sich das gut an, besonders in Erinnerung an meine Erlebnisse in China, wo ich immer offensichtlich Ausländerin war und auch so behandelt wurde.

Und ich glaube mittlerweile auch zu wissen, warum.

Eigentlich bin ich ja weiße, privilegierte Europäerin. Aber es tut trotzdem weh – denn in dem Moment, in dem ich in China erstmal in die Gruppe “laowai” (“Ausländer”) gesteckt werde, habe ich das Gefühl, nicht mehr ernst genommen und nicht als eigenständige Person betrachtet zu werden. In dem Moment, in dem Chinesen mich als “laowai” einordnen, haben sie schon ein vorgefertigtes Bild von mir, das sich auch eigenen Erfahrungen und Hörensagen zusammensetzt, und klar sagt: “So eine ist das.” Das schlägt sich dann auch in den Gesprächen nieder – auch, wenn ich Chinesisch sprach, fand ich es oft schwer, über sehr oberflächliche, belanglose Konversation hinauszukommen und tatsächlich liefen erste Gespräche eigentlich IMMER nach dem gleichen Prinzip ab, das auch anderen Ausländern, die schon einmal in China waren, bekannt vorkommen wird:

Woher kommst du? Wie alt bist du? Bist du Single? Was machst du hier? Wie viel verdienst du im Monat? Wo wohnst du? Wie lange lernst du schon Chinesisch? Dein Chinesisch ist aber gut!

Ich will hier nicht verallgemeinern, natürlich ist das jetzt eine grobe Vereinfachung. Mir geht es um etwas anderes:

Jedes Mal, wenn wir jemanden sehen, und diese Person dann automatisch der Gruppe “Türken” oder “Asiaten” oder “laowai” zuordnen, ist sie nur noch Teil der Gruppe und wir glauben, schon etwas über sie zu wissen. Im besten Falle, wie für mich in China, fühle ich mich einfach nur persönlich etwas verletzt, aber im schlimmsten Falle entstehen aus dieser ganzen Denkweise dann üble Stereotypen, die in hirnverbrannte Ideologien eingebaut werden…. na ja, ihr kennt die Abwärtsspirale.

Letztendlich fängt es aber mit den kleinen, unbewussten Zuordnungen an, die sich darin äußern, dass man in Frankreich einen Asiaten schief anguckt oder ihn in Deutschland vielleicht erstmal auf Englisch anspricht. Weil das alles so instinktiv abläuft, ist es auch schwierig, großflächig etwas dagegen zu unternehmen, mir fallen eigentlich nur zwei Dinge ein:

1. Sich dran gewöhnen – das braucht Zeit, Jahrzehnte, Generationen. Aber letztendlich sind und bleiben wir ein Einwanderungsland (und liebe Konservative: wir brauchen die Fachkräfte!) und da werden wir uns auf lange oder kurze Sicht dran gewöhnen müssen, sonst hat niemand etwas davon. Aber abwarten ist auch blöd, also:

2. Sich Mühe geben – auch, wenn es schwer ist. Aber ich glaube, es hilft, wenn man bewusst versucht, das ganze Gruppieren und in-Schubladen-stecken von Menschen mal zu unterdrücken, und sich nur mit der Person zu beschäftigen, die direkt vor einem steht. Dadurch ändert man vielleicht nichts auf einer großen Skala, aber man vermindert die ganzen unbewussten Reaktionen auf Menschen mit einem unerwarteten Äußeren zumindest um ein kleines Bisschen und das kann schon einen Unterschied machen. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir alle ausländerfeindlich sind, aber das Bewusstsein, dass jemand “anders” ist, schlägt sich oft unweigerlich subtil in unserem Verhalten nieder und weil wir Menschen nun einmal sensibel sind, merken sie das. Und alle diesen kleinen Dinge kommen dann zusammen und haben eine große Wirkung.

Ich hatte diesen Text eigentlich schon angefangen, bevor es kürzlich wieder eine Diskussion um Anne Will und ihre Sendung zu NSU-Morden gab. Klar, was da passierte, ist bescheuert, bringt uns nicht weiter und befeuert die Entstehung von noch mehr Stereotypen. Aber wenn wir uns wieder nur darüber beschweren, was “die da” im Fernsehen falsch machen, ist das auch nur so und so konstruktiv.

Ich persönlich glaube, dass es z.B. für meine koreanischen Komillitonen besser wäre, wenn ihnen die Leute erstmal nicht mit so komischen Blicken begegnen, als wenn der Debattenton in den Medien sich ändert. Das ist wieder so eine Huhn-oder-Ei-Frage, natürlich beeinflusst das eine das andere. Aber letztendlich kann man im zwischenmenschlichen Kontakt starke, positive Signale senden, von denen jede_r wirklich unmittelbar profitieren kann und die direkt ein besseres Gefühl geben.

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2 thoughts on “„It’s because of the way they look at me“ – Vom Ausländer- und Inländersein

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  2. Daniel Lücking

    Ich bin kein “Ausländer” und habe keinen Migrationshintergrund. Doch die Schublade, von der du sprichst kenne ich gut. Weil ich Soldat war habe auch ich einen festen Platz in den Schubladen vieler.
    Wir sind so aufgewachsen – sind so erzogen und sozialisiert worden in nationalstaatlichen Dimensionen zu denken. Das Internet hilft uns, das aufzubrechen – aber es wird uns noch eine lange Zeit schwer fallen. Manche werden es wohl nie überwinden.

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