Monthly Archives: June 2013

“I don’t know anyone in heaven anyway!” (Asiatische Filmempfehlungen)

Da ich dieses Semester schon einmal richtig fies krank war (so das Level, bei man die Jalousien zumacht, weil das Licht wehtut, und den Tag lang im Bett liegt, weil das Einzige, was nicht zu weit weg ist, der Wasserkocher ist), konnte ich endlich einige Filme sehen, die ich mir schon vor Ewigkeiten auf meine endlose Liste gesetzt hatte:

“Old Boy” ist wohl einer der berühmtesten koreanischen Filme und wird öfters dafür angeführt, wie in Asien Gore und Thriller umgesetzt werden. Ich kenne mich jetzt in dem Horrorbereich nicht wirklich aus, finde aber, der Film ist einfach sehr sehenswert (wenn auch leicht creepy), unabhängig vom kulturellen Kontext. Yeo Ji-Tae, der eine der beiden Hauptrollen spielt, hat auch kürzlich sein Regiedebüt “Mai Ratima” fertig gestellt – ein Film über die Probleme in der koreanischen Gesellschaft, die bei dem ganzen Gangnam Style- und K-pop – Hype meistens zu kurz kommen. Auch sehr zu empfehlen.

Sowohl den chinesischen “Caught in the Web” als auch “You are the Apple of my eye (那些年)” habe ich mir v.a. angeschaut, um mein Hörverstehen in Chinesisch mal wieder etwas auf Vordermann zu bringen. Letzterer ist einfach nur eine sehr, sehr chinesische Liebesgeschichte (nur erfolgreicher als andere), wie man sie dort immer zu sehen bekommt – boys loves girl mit viel Drumherum. Ersterer ist zumindest storytechnisch interessant – er befasst sich mit einer auf einer Kleinigkeit beruhenden Hetzkampagne von Medien und Internet gegen eine einzelne Frau und was das mit ihrem Leben anrichtet. In Deutschland mag einem das Szenario etwas merkwürdig vorkommen, in China ist es aber traurig realistisch, darum kann der Film in der Hinsicht ganz lehrreich sein. (Ich führe das in einem anderen Text nochmal weiter aus, glaube ich, ist ein größeres Thema.)

You’re the Apple of my Eye

Außerdem aus der Kategorie “Mit Freunden und Wein”:

“Lust, Caution” von Ang Lee (dessen “Life of Pi” ich mir immer noch nicht gegeben habe und es auch in naher Zukunft nicht tun werde). Der Film hatte in China wegen der “wilden” Sexszenen für Aufsehen gesorgt, weil es anscheinend zahlreiche Verletzte bei dem Versuch gab, die Szenen im eigenen Schlafzimmer nachzuspielen. Die Koreaner regten sich dagegen trefflich darüber auf, dass die nackte Dame in ebendiesen Szenen nicht unter den Armen rasiert war. Nun ja. Man sollte den Film aber nicht auf die interessanten Sexszenen reduzieren, er ist auch als Gesamtwerk sehr gut! Dass die Geschichte zwischen Hong Kong und Shanghai stattfindet (in der einen Stadt habe ich gelebt, aus der anderen kommt meine Familie), machte den Film für mich nur umso interessanter. Besonders geschichtlich nimmt man auch einiges mit – fragt euch mal, wie viel ihr auf Anhieb über die japanische Besatzung Chinas wisst. Und dann könnt ihr diesen Film gucken, um euer Gewissen zu beruhigen.

In letzter Zeit habe ich dann auch noch mehrmals die Gelegenheit ergriffen, um zwei weitere Filme von meiner asiatischen to-watch-list zu streichen:

Über Akira Kurosawas Scandal war ich, glaube ich, bei der Recherche zu meinem Paper über japanische Geschlechterrollen gestolpert, den genauen Zusammenhang weiß ich gar nicht mehr. Auf jeden Fall ist der Film alt (genauer, von 1950) und das merkt man natürlich auch – die Geschichte geht echt sehr langsam voran. Von Kurosawa als Kritik am sensationsgierigen Verhalten der Medien gedacht, schockt der Film heute in Zeiten von BILD nicht mehr wirklich, was ihn aber als kleine Zeitkapsel nicht minder interessant macht. Kurosawas Bildsprache ist wie immer sehr schön und stark und wer ein bisschen ein Auge für die Subtilität asiatischer Filme und ihrer Liebesgeschichten hat (damals noch subtiler als heute), wird auch seinen Spaß haben. Für alle Filmnerds, denen das etwas sagt: Ich wurde auch darauf aufmerksam gemacht, dass der Film im Akademieformat gedreht ist, was zu dem Zeitpunkt in Europa eigentlich schon komplett vorbei war.

Irgendwo hatte ich gelesen, dass The Thieves vor allem eine koreanische Version von Ocean’s Eleven sei. Das mag zu dem Maße stimmen, dass es um unheimlich gewitzte Diebe mit ihren ganzen besonderen Fähigkeiten geht und wie man das zu einem genialen Coup zusammenbringen kann, ABER die Vereinfachung greift m.E. dann doch viel zu kurz. Bei George Clooney und seinen Leuten geht es in meiner Erinnerung vor allem darum, wie schön man zusammenarbeitet und irgendwie ans Ziel kommt, aber die Koreaner nehmen hier eine wesentlich weniger romantische Sichtweise ein – auch, wenn die Nonchalance eines echten Gangsterfilms natürlich nicht fehlt. Es sind ein paar echt nette Actionszenen dabei (Verfolgungsjagden an koreanischen Häuserfronten!) und mir gefällt auch die kleine Reise durch die Länder der Region – Hong Kong ist Hauptschauplatz, aber auch Seoul und Busan kommen auf ihre Kosten. Japan hat leider nur einen linguistischen Auftritt, aber besser als nichts. Genau, das ist noch etwas – der Film räumt auch damit auf, die Asiaten würden sich ja alle verstehen. Sprachliche Probleme sind unvermeidlich, wenn Koreaner und Chinesen zusammenarbeiten sollen, aber wenn man den Film mit Untertiteln schaut, fällt das Hin- und Hergewechsel zwischen vier Sprachen (Chinesisch, Kantonesisch, Koreanisch, Japanisch) vermutlich nicht so sehr auf.

Man beachte den erhöhten Coolnessfaktor durch Sonnenbrillen.

Und dann gibt es noch einen Sonderkandidaten – eine Dokumentation, die gar nicht auf meiner Liste stand, mir aber von einer Freundin empfohlen wurde. The Great Happiness Space: Tale of an Osaka Love Thief beschäftigt sich mit dem Konzept der Host Clubs in Japan und berichtet vor allem aus einem bestimmten in Osaka namens “Rakkyo”. Es geht darum, wie aus Liebe und Zuneigung ein Geschäft gemacht wird, wie eigentlich alle Beteiligten wissen, worum es geht, die Frauen sich aber dennoch in Träumen verlieren, die die Männer ihnen verkaufen, während die sich so sehr auf die Interaktion mit den Frauen einstellen, dass sie gar nicht mehr wissen, wo sie selber aufhören und die Maske anfängt. Letztendlich geht es wie so oft um einsame Menschen in einer Großstadt, die irgendwie alle nach Liebe suchen. Das Tragische ist, dass es alles wahre Geschichten sind. Gleichzeitig ist es aber auch auf tragische Weise faszinierend. Die Frage ist: Kann so etwas nur in Japan durchsetzen? Oder könnte es so etwas auch in jedem beliebigen anderen Land funktionieren? Einsame Menschen gibt es immerhin überall. Irgendwie perfide wird es, wenn man daraus Kapital schlägt und diese Gefühle ausbeutet. Aber um Schuldzuschreibungen geht es in der Doku nicht – sie stellt einfach nur dar. Sehr empfehlenswert!

Grenzgänger

Um mich herum gibt es unzählige Menschen, die Grenzgänger zwischen unzähligen Kulturen sind – nicht als Migranten, sonders als Expats, das sind die, die Geld haben und für die großen Firmen arbeiten. Es ist meistens faszinierend und manchmal etwas traurig, von ihnen darüber zu hören, wie sie aufgewachsen sind. Alle paar Jahre in ein neues Land, immer von einer internationalen Schule zur nächsten. Eine Freundin von mir hat in so vielen Ländern gelebt, dass sie sich gar nicht mehr an alle erinnert – wenn man sie nach einer Liste fragt, muss sie lange überlegen.

Ich: “Kann man eigentlich auf ein französisches Lycee gehen, wenn man kein Französisch spricht?”

M.: “Man kann auf ein französisches Lycee gehen, solange man bezahlen kann…”

J.: “Also, ich war auf einer englischen Schule, ohne Englisch zu sprechen.”

M. und ich: “Wie jetzt, wie alt warst du da?”

J.: “Na ja, wir waren gerade von Peking nach Marokko gezogen und keiner von uns hatte jemals Englisch gelernt, wir waren diese leicht deplatzierte schwedische Familie. Meine Mutter hatte Chinesisch gelernt und versuchte sich in Marokko an Französisch, gab aber schnell auf – sie fand es viel zu unlogisch. Mittlerweile sprechen sie aber auch beide Englisch. Aber da war ich, in der ersten Klasse an der amerikanischen Schule und hatte überhaupt keine Ahnung, was da vor sich ging. In der Klasse war noch ein anderes schwedisches Mädchen und ich fragte sie auf Schwedisch, was der Lehrer gesagt hätte, aber sie zischte mich nur an ‘Halt die Klappe!’ und ich versank nahezu im Boden… Ich war ziemlich verloren.”

M.: “Mir ist genau das Gleiche passiert! Auch in der ersten Klasse, als ich nach Amerika gezogen bin. Wir haben so ein Quiz gemacht, wo es um Tiernamen ging – Gürteltiere und Ameisenbären und so weiter. Ich war total verwirrt, ich kannte ja noch nicht einmal die koreanischen Worte dafür. Es war aber noch ein anderer koreanischer Junge in der Klasse und ich fragte ihn auf Koreanisch, was gerade passieren würde und er fauchte nur ‘Wir sprechen hier kein Koreanisch!’ und ich war still für den Rest der Stunde.”

Kurze Pause.

M.: “Aber wisst ihr was, in der dritten Klasse, als ich selber keinen Englischunterricht mehr nehmen musste, war ein neuer koreanischer Schüler in unserer Klasse. Und ich habe genau das Gleiche gemacht, als er mich etwas auf Koreanisch gefragt hat.”

Danach haben wir uns wieder Wein und Bier zugewandt.

It’s a big, big city and the lights are all out (Eine Woche Berlin)

Auf dem Fahrrad mit Rock’n’Roll im Ohr durch die Stadt, zum ersten Mal nicht in Regenjacke und wasserfesten Schuhen, sondern im T-Shirt. Die warme Sommerluft hat sich in der ganzen Stadt breit gemacht und treibt die Menschen aus den Häusern, die Touris aus den Hotels – in die Parks und die Straßen, die Eisdielen und Cafés. An einer Ecke sitzen die Menschen alle mit MacBooks an den Tischen, unbeeindruckt von dem Gewimmel um sie herum.

Aber die meisten sind zu zweit, zu dritt, mit vielen unterwegs, teilen Kaffee, Abendessen und Eis und ihre Geschichten. Manchmal die des letzten Tages, manchmal die eines ganzen Jahres. Wenn man sich lange nicht gesehen hat, kann es so viele Dinge geben, die man loswerden und anderen mitgeben möchte – die endlos vielen Gefühle und Gedanke, die einen in dieser Zeit bewegt haben. Das Leben bestimmten und veränderten und irgendwie über verschlungene Wege zu diesem Tag führten, das Jetzt, an diesem Abend, der viel zu warm und voller Leben für die Uhrzeit ist.

Wer will, kann ganz langsam gehen, an den Cafés und Restaurants vorbei, und Brocken aus den vielen Leben hören, die ausgebreitet werden. Von ganz viel Liebe ist da die Rede, mal erfolgreich, mal erhofft, mal enttäuscht. Oder einfach ganz unerwartet, überwältigend und simpel. Nicht alles ist schön, oft geht es auch um Wut und Ärger, aber alleine, darüber reden zu können, hilft, das Gefühl zu lindern. Wer will, kann heimlich herumgehen und spionieren in den Geschichten, die durch die Luft schwirren und bruchstückhafte Blicke in die anderen Menschen erhaschen, die man nie wieder sehen wird.

Erst sitzen wir im Park und schauen der Sonne dabei zu, wie sie sich langsam versteckt und wie ein Flugzeug vor dem rosanen Sonnenuntergang tatsächlich ein halbes Herz in den Himmel malt.  Als das Licht verschwindet und die Kälte sich langsam breitmacht, ziehen wir um in ein Café mit kuscheligen Decken und gewürztem Tee. So richtig ist der Sommer doch noch nicht da, es wird wieder kalt. Wir sitzen in dem rot-orangenen Licht und trinken unseren Tee, vollkommen ins Gespräch versunken, das vergrabene Erinnerungen und Gedanken wieder hervorbringt. In die Form von Worten gebracht fühlen sie sich ungewohnt an, vielleicht hätten sie lieber weiter geschlafen. Aus dem Winterschlaf geweckt von der Nähe eines Menschen, der seine Geschichten teilt, gewöhnen sie sich an das neue Ich, zu dem sie jetzt gehören, und spinnen neue Ideen, die kurzlebig wirken und diese Sommernacht doch überleben werden.

Vor einem Jahr war ich stetig in Bewegung, von einem Ort zum anderen, beinahe an mehreren gleichzeitig. Durch die Kleinstraßen der ultimativen Großstadt, in kleinen Restaurants direkt an den U-Bahn-Gleisen, in denen man auf Barhockern bestellt und dem Essen in seiner Entstehung zuschaut, mitten in der Nacht mit Lagerfeuer am Strand des Pazifik, auf der Suche nach verlorenen Freunden im Dunkeln über Friedhöfe, mit Abschiedsküssen am Flughafen, alleine mit Spinnen im Dschungel, in Umarmungen versunken, mit ganz viel Nähe weit über den Lichtern der Stadt bei Nacht, mit den Füßen in den warmen Sand eingegraben unter einem klaren Wüstenhimmel.

Jetzt stehe ich still. Aber mein Herz und meine Gedanken wandern weiter. Sie wissen immer noch nicht, wohin es geht. Doch zum ersten Mal fühlt sich der Weg unter den bloßen Füßen fest und sicher an.

Frankreich, ein Todesfall und die “marriage gay”

Es gibt Themen, die finden in meiner Medienwahrnehmung vor allem in den französischen Zeitungen und nicht in den deutschen statt. Das liegt schlicht und einfach daran, dass es um Frankreich geht, und ich (anscheinend berechtigterweise) den französischen Medien eher zutraue, mir vernünftigen Hintergrund und akkurate Informationen zu liefern. Und die Tatsache, dass ich bis vor zwei Wochen noch in Frankreich gelebt habe, spielte auch eine große Rolle – da habe ich deutsche Medien eigentlich nur benutzt, um mich über das zu informieren, was in meinem Heimatland während meiner Abwesenheit so passiert (bei den meisten internationalen Nachrichten sind sie nämlich tatsächlich merklich langsamer als Le Monde, BBC und Co., könnte mensch ja vielleicht mal drüber nachdenken.)

In den letzten drei Tagen habe ich jetzt allerdings schon mit drei verschiedenen Menschen über Frankreich geredet und den Eindruck bekommen, dass ein wenig Unsicherheit/Informationsmangel angesichts der französischen Situation herrscht. Ich habe nicht den Anspruch, die Lücken zu füllen, die deutsche Medien lassen, hier geht es jetzt erstmal um meine persönliche Wahrnehmung. Worum es geht?

Um den Tod eines 18-jährigen Studenten.

Dieser Student, Clément, war anscheinend ein sehr engagierter Aktivist in der linken und antifaschistischen Szene und hatte sich besonders in letzter Zeit aus gegebenem Anlass intensiv für die “marriage gay” ( = was unsere Medien “Homoehe” nennen) und gegen die in dem Zusammenhang aufflammende Homophobie überall engagiert. Er ging übrigens auch zu einer französischen Spitzenuniversität, an der er aufgenommen war, nachdem er den wissenschaftlichen Zweig des französischen Abiturs, das “bac scientifique”, mit Bestnote abgeschlossen hatte. Nur, um einmal in Perspektive zu setzen, dass wir hier von jemandem reden, der wusste, wofür er einstand, durchaus Dinge kritisch hinterfragen und seine Meinung in intellektuellen Diskussionen gut verteidigen konnte (ein Porträt von ihm gibt es hier, bei Liberation).

In den deutschen Medien ist meist nur die Rede davon, dass er von jungen Rechten getötet wurde. Basierend auf diesem Artikel von Le Monde (und einem weiteren von Liberation, dessen Link ich gerade nicht wiederfinde) ist das Ganze wohl wie folgt abgelaufen:

Er war mit Freunden bei einer Art privatem Flohmarkt der antifaschistischen Szene, der in eine Wohnung stattfand. Irgendwann tauchten dann ein paar (offensichtliche) Skinheads auf, über die die Freunde sich lustig machten und es gab eine verbale Auseinandersetzung, in der Clément scheinbar auch irgendwie zu verstehen gab, dass er sich politisch engagiere. Man einigte sich darauf, das Ganze auf der Straße fortzusetzen. Danach habe ich Widersprüchliches in Liberation und Le Monde gelesen (wobei letzterer Artikel schon einige Tage alt ist) – am Anfang (also kurz nach Bekanntwerden seines Todes), hieß es, er sei einmal geschlagen worden, auf den Kopf gefallen und dann wohl im Krankenhaus gestorben (cf. Le Monde). Laut dem anderen Artikel aus Liberation ist er aber wohl mehrfach geschlagen worden und nicht an einem Hämatom vom Sturz, sondern tatsächlich direkt von den “mehrfachen” Schlägen gestorben.

So viel zu diesem Einzelfall, in dem ich auch nur wiedergeben kann, was ich aus den französischen Zeitungen weiß. Wer sich für den Fall interessiert und gerne mehr über den Hintergrund oder den juristischen Fortgang der Sache wissen möchte, dem kann ich eigentlich nur empfehlen, lemonde.fr oder liberation.fr oder anderen Medien dort in ihrer (natürlich französischen) Berichterstattung zu folgen.

Wichtig ist allerdings auch, den allgemeinen, gesellschaftlichen Hintergrund der ganzen Sache zu verstehen, und hier fühle ich mich etwas sicherer, aus meiner eigenen Erfahrung und meinen Eindrücken heraus eine grobe Erklärung abzugeben.

Anscheinend waren in Deutschland einige Leute überrascht, dass so etwas passieren konnte. Ausgerechnet in Frankreich, die sind doch so links und liberal und haben sogar einen sozialistischen Präsidenten und jetzt auch noch die “marriage gay” eingeführt. Wenn das in den deutschen Medien wirklich so rüberkommt, dann wird schlicht ein falsches Bild vermittelt.

Frankreich ist, entgegen der landläufigen Wahrnehmung, tatsächlich sogar sehr konservativ. Man schaue sich einmal an, wie viele ländliche Gegenden es gibt, und wenn es dann dorthin auf ein Familientreffen geht, kann es schon gut sein, dass es einiges an homophoben Sprüchen zu hören gibt. Es gibt sicherlich repräsentative Umfragen zur Meinung der Bürger zur “marriage gay”, ich habe jetzt keine parat – ABER ich kann euch sagen, dass dieses Gesetz nicht von einer “eindeutigen Mehrheit” der Bürger unterstützt wird. Bei schnellem Googlen finde ich zahlen zwischen 40% und 56% dafür. Darum geht es aber eigentlich auch gar nicht.

Es geht nicht um absoute Zahlen, sondern um verhärtete Fronten. So sehr es auch zu begrüßen ist, dass die Diskussion in Frankreich aufgenommen und bis zum Ende durchgezogen wurde, hat sie doch auch einen sehr negativen Effekt gehabt: Leute mussten sich entscheiden ob sie dafür oder dagegen sind (Frankreich ist in einer Wahrnehmung wirklich hochpolitisch, man kann kaum anders, als sich zu positionieren) und so hat diese Diskussion nicht nur viele Unterstützer sichtbar gemacht, sondern auch sehr, sehr viele Gegner und sehr viel Hass und Homophobie. Bei der Huffington Post gab es einen Blogeintrag von dem ersten schwulen Paar, das heiraten konnte, und sie erwähnten diesen Aspekt auch. Ich fand, dass das Thema dort gut angesprochen war und auch werden musste, ich zitiere mal:

We noticed — and, sadly, we keep on noticing — that the past months have unleashed latent homophobia in French society. How many hurtful words, intolerable assaults or unspeakable misrepresentations have tarnished the quest for equal citizenship? The suffering generated by seeing hundreds of thousands of people mobilized to prevent some of their fellow citizens from having access to a right, when no right was being withdrawn from them, remains real. Usually people demonstrate to acquire a right, not to prevent part of the population from having access to it. This is what is troubling. It really was an injustice.

Genau dies. In Frankreich gehen Menschen nicht nur auf die Straße, um etwas zu ändern, sondern auch, um zu zeigen, dass sie eine Meinung haben und dahinter stehen. Ich war auch selber bei einer der Demos “Pour” (also “dafür”) dabei, als das Gesetz eigentlich schon durch war. Es ging darum, zu zeigen, dass wir mindestens genauso viele Menschen auf die Straße bekommen konnten wie die “Faschisten”, wie ein paar Freunde von mir gerne sagen, am Wochenende vorher. Wenn die es schaffen, einen Tag lang Paris zu dominieren, dann können wir das auch. Ich kenne Pariser, denen wir geradezu schlecht, wenn an ihrer Wohnung ein solcher “anti-marriage equality” Zug vorbeizieht – und dann geht es danach natürlich erst recht auf die Straße.

Doch in diesem ganzen System wird auch das Problem deutlich: Durch die enorme Polarisierung werden Strömungen und Meinungen an die Öffentlichkeit und ganz konkret in die Straßen von Paris gespült, die sonst verdeckt bleiben. Und auf einmal ist das Thema groß in den Medien und Schwule und Lesben sehen sich mit geballter Ablehnung und gar Hass konfrontiert, den viele nicht erwartet hatten.

Immerhin ist Frankreich das Land von “Liberté, Egalité, Fraternité”, von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Wo, wenn nicht hier, hätte man Offenheit für die “marriage gay” erwartet?

Natürlich ist das Gesetz jetzt trotzdem durchgekommen, das Land wird nicht von einer Sintflut verschluckt werden (das passier ja schon in Deutschland) und es bleibt zu hoffen, dass die Leute ihren Hass wieder vergessen. Aber ich finde es wichtig, auch hier in Deutschland ein bisschen besser zu verstehen, wie die ganze Diskussion in Frankreich ablief und wie die Gesellschaft darauf reagiert und sich tatsächlich gespalten hat.

Ich glaube nicht unbedingt, dass ein Zusammenhang zu dem Fall von Clément besteht, es kann gut sein, dass es “nur” Ausdruck der Gewaltbereitschaft seitens der rechten Jugendorganisationen war. Aber da die beiden Themen in Deutschland öfters zusammen erwähnt werden, habe auch ich sie hier einmal in einem Post abgehandelt.

„It’s because of the way they look at me“ – Vom Ausländer- und Inländersein

Ich habe hier in Frankreich einen ganz tollen Nachbarn. Er ist ein bisschen von beidem, Koreaner und Amerikaner, außerdem ein sehr nachdenklicher Mensch, der sich viele Gedanken macht und gerne koreanische Fernsehsendungen schaut oder deutsche Grammatik paukt, wenn er eigentlich für wichtige Klausuren lernen sollte. Manchmal läd er auch Menschen zu sich ein und ärgert sich dann, wenn wir wieder neue Weinflecken auf seinem Laken hinterlassen. Und manchmal betrinken wir uns, gehen feiern und sitzen dann nach dem Heimkommen noch zu zweit alkoholisiert in s/meinem Zimmer, essen Curry und reden mehrere Stunden über Gott und die Welt und ob sie sich beide drehen. Ein absoluter Lieblingsnachbar.

Vor einer Weile hat unser Juraprofessor ihn „den Gelben“ genannt. Um ihn von „dem Komischen“ zu unterscheiden, der auch Koreaner ist. Hallo, geht’s noch?

Mein Lieblingsnachbar war noch empörter. Wenn er gerade amerikanisch denkt, sagt er, dass wir Europäer sehr liberal seien. Unser Juraprofessor ist aber Amerikaner und deswegen war er besonders entsetzt.

(Besonders, wegen des Kontextes, denn die Bezeichnung “gelb” für Asiaten in Amerika hat – da denkt man dann an den Vietnamkrieg, die “gelbe Gefahr” und “gelbes Fieber”, Ideen, bei denen ich mich wirklich schütteln muss.)

„Weißt du, Amerika ist nun einmal ein Einwanderungsland. Eigentlich sind wir (= Amerikaner) da sensibler – zumindest sensibler als die Europäer. Und dann ist er auch noch Anwalt, der sich auf Menschenrechte spezialisiert hat.“

Wie er denn darauf käme, dass wir Europäer nicht so „sensibel“ bei so etwas seien.

„Davon ausgehend, wie ich hier behandelt werde. Wie Leute mich ansehen. Und dass sie mich ansehen.“

Ich musste an mein Jahr in China denken, wo ich mich daran gewöhnt hatte, dass Leute mich anstarren und Fotos von uns machen wollten (besonders von meiner blonden Freundin). Ich habe mich oft gefragt und frage mich immer noch, ob es sich so anfühlt, wenn man in Deutschland Ausländer ist.

„Die Frau von meinem Geschichtslehrer in den USA war auch Koreanerin. Er ist Deutscher. Ich habe mich mal mit ihr über ihre Zeit in Deutchland unterhalten und sie meinte, dass es in den USA viel natürlicher sei, Asiatin zu sein. In Deutschland hätte die Leute sie immer irgendwie anders behandelt. Sie war ja Asiatin, nicht schwarz oder so.

Moment, sage ich. Aus meinem Bauchgefühl heraus würde ich sagen, dass Asiaten „normaler“ sind als Schwarze. Für mich ist Frankreich ungewohnt, mit seinem Straßenbild, in dem Einwanderer aus afrikanischen Ländern vollkommen normal sind. Es ist nicht so, dass es mich stört oder so. Es ist einfach anders. Aber asiatisch-aussehende Menschen in meine Umfeld in Deutschland waren völlig normal.

Ich gebe auch zu bedenken, dass die größte Minderheit wohl immer noch türkische Einwanderer sind. Und mein Nachbar fragt, ob sie denn immer noch eine Minderheit seien.

Ab wann ist man denn keine Minderheit mehr?

Wir googlen aus Interesse Statistiken zu ethnischen Minderheiten in Deutschland und finden heraus, dass es doppelt so viele Ost-Asiaten (also China, Japan, Korea, Taiwan etc.) gibt wie „afrikanische Einwanderer/Deutsche afrikanischer Abstammung“ (die einen sind 1% der Bevölkerung, die anderen 2%). Aha.

Wann ist man wohl „afrikanischer Abstammung“? Und wann dann deutscher Abstammung?

Ich habe mich mal bei der Konrad-Adenauer-Stiftung beworben und wurde beim Ausfüllen des Personalbogens gefragt, ob ich einen Migrationshintergrund hätte. Ja oder nein. Dahinter stand, etwas kleiner, in Klammern: „Ein Migrationshintergrund besteht, wenn die Bewerberin/der Bewerber selbst oder Eltern oder Großeltern(teile) im Ausland geboren sind, unabhängig von der jetzigen Staatsangehörigkeit der Bewerberin/des Bewerbers.“

Mein Großvater ist in Hong Kong geboren und erst vor der japanischen Invasion nach China und dann vor seinen 18 älteren Geschwistern nach Deutschland geflohen (bei Letzterem ging es zum Glück nicht um sein Leben), um hier Deutsch zu lernen und Medizin zu studieren. Er hat eine Deutsche geheiratet und zwei Kinder, die beide kein Wort Chinesisch (hier: Kantonesisch) sprechen. Ich bin seine Enkelin und in Deutschland aufgewachsen, ich habe mich nie als etwas Anderes als als Deutsche wahrgenommen – auch, wenn niemand meinen Nachnamen auf Anhieb richtig schreibt.

In den Statistiken der KAS bin ich jemand „mit Migrationshintergrund“, weil ich entweder das eine oder das andere sein muss. Und weil für die Statistik eine Grenze gezogen wird.

Zumindest bin ich nur in der Statistik “anders” – ein Freund von mir hat chinesische Eltern und wird manchmal gefragt, ob er Deutsch spricht. Und meinem Nachbarn rufen die Kinder hier in Frankreich “Der Chinese! Der Chinese” hinterher. Und dann nennt ihn unser Professor “den Gelben”.

Je mehr ich mit Leuten rede, desto mehr wird mir bewusst, wie sehr kleine, unbeachtete Handlungen unsererseits andere Menschen beeinflussen und besonders auch verletzen können.

Das Problem ist, dass ein großer Teil davon unbewusst passiert – z.B. wie wir jemanden anschauen, den wir unwillkürlich als Ausländer einstufen.

Während ich mit Freunden für die Frühlingsferien in Istanbul war, habe ich eine für mich persönlich wichtige Erfahrung in diesem Zusammenhang gemacht: Ich gehe als Türkin durch. Ohne Kontext mag das belanglos wirken, aber für mich war es überraschend und es fühlte sich gut an. Ich war mit mehreren chinesischen und einer blonden deutschen Freundin unterwegs, die alle sehr offensichtlich Ausländer waren. So kam es mehrmals vor, dass ich als Teil der Gruppe (aber auch, wenn ich alleine war) auf Türkisch angesprochen wurde, weil die Leute unwillkürlich annahmen, dass ich sie verstehen würde.

Für mich fühlte sich das gut an, besonders in Erinnerung an meine Erlebnisse in China, wo ich immer offensichtlich Ausländerin war und auch so behandelt wurde.

Und ich glaube mittlerweile auch zu wissen, warum.

Eigentlich bin ich ja weiße, privilegierte Europäerin. Aber es tut trotzdem weh – denn in dem Moment, in dem ich in China erstmal in die Gruppe “laowai” (“Ausländer”) gesteckt werde, habe ich das Gefühl, nicht mehr ernst genommen und nicht als eigenständige Person betrachtet zu werden. In dem Moment, in dem Chinesen mich als “laowai” einordnen, haben sie schon ein vorgefertigtes Bild von mir, das sich auch eigenen Erfahrungen und Hörensagen zusammensetzt, und klar sagt: “So eine ist das.” Das schlägt sich dann auch in den Gesprächen nieder – auch, wenn ich Chinesisch sprach, fand ich es oft schwer, über sehr oberflächliche, belanglose Konversation hinauszukommen und tatsächlich liefen erste Gespräche eigentlich IMMER nach dem gleichen Prinzip ab, das auch anderen Ausländern, die schon einmal in China waren, bekannt vorkommen wird:

Woher kommst du? Wie alt bist du? Bist du Single? Was machst du hier? Wie viel verdienst du im Monat? Wo wohnst du? Wie lange lernst du schon Chinesisch? Dein Chinesisch ist aber gut!

Ich will hier nicht verallgemeinern, natürlich ist das jetzt eine grobe Vereinfachung. Mir geht es um etwas anderes:

Jedes Mal, wenn wir jemanden sehen, und diese Person dann automatisch der Gruppe “Türken” oder “Asiaten” oder “laowai” zuordnen, ist sie nur noch Teil der Gruppe und wir glauben, schon etwas über sie zu wissen. Im besten Falle, wie für mich in China, fühle ich mich einfach nur persönlich etwas verletzt, aber im schlimmsten Falle entstehen aus dieser ganzen Denkweise dann üble Stereotypen, die in hirnverbrannte Ideologien eingebaut werden…. na ja, ihr kennt die Abwärtsspirale.

Letztendlich fängt es aber mit den kleinen, unbewussten Zuordnungen an, die sich darin äußern, dass man in Frankreich einen Asiaten schief anguckt oder ihn in Deutschland vielleicht erstmal auf Englisch anspricht. Weil das alles so instinktiv abläuft, ist es auch schwierig, großflächig etwas dagegen zu unternehmen, mir fallen eigentlich nur zwei Dinge ein:

1. Sich dran gewöhnen – das braucht Zeit, Jahrzehnte, Generationen. Aber letztendlich sind und bleiben wir ein Einwanderungsland (und liebe Konservative: wir brauchen die Fachkräfte!) und da werden wir uns auf lange oder kurze Sicht dran gewöhnen müssen, sonst hat niemand etwas davon. Aber abwarten ist auch blöd, also:

2. Sich Mühe geben – auch, wenn es schwer ist. Aber ich glaube, es hilft, wenn man bewusst versucht, das ganze Gruppieren und in-Schubladen-stecken von Menschen mal zu unterdrücken, und sich nur mit der Person zu beschäftigen, die direkt vor einem steht. Dadurch ändert man vielleicht nichts auf einer großen Skala, aber man vermindert die ganzen unbewussten Reaktionen auf Menschen mit einem unerwarteten Äußeren zumindest um ein kleines Bisschen und das kann schon einen Unterschied machen. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir alle ausländerfeindlich sind, aber das Bewusstsein, dass jemand “anders” ist, schlägt sich oft unweigerlich subtil in unserem Verhalten nieder und weil wir Menschen nun einmal sensibel sind, merken sie das. Und alle diesen kleinen Dinge kommen dann zusammen und haben eine große Wirkung.

Ich hatte diesen Text eigentlich schon angefangen, bevor es kürzlich wieder eine Diskussion um Anne Will und ihre Sendung zu NSU-Morden gab. Klar, was da passierte, ist bescheuert, bringt uns nicht weiter und befeuert die Entstehung von noch mehr Stereotypen. Aber wenn wir uns wieder nur darüber beschweren, was “die da” im Fernsehen falsch machen, ist das auch nur so und so konstruktiv.

Ich persönlich glaube, dass es z.B. für meine koreanischen Komillitonen besser wäre, wenn ihnen die Leute erstmal nicht mit so komischen Blicken begegnen, als wenn der Debattenton in den Medien sich ändert. Das ist wieder so eine Huhn-oder-Ei-Frage, natürlich beeinflusst das eine das andere. Aber letztendlich kann man im zwischenmenschlichen Kontakt starke, positive Signale senden, von denen jede_r wirklich unmittelbar profitieren kann und die direkt ein besseres Gefühl geben.